Pfingsttagung 2015 in Tallinn (Estland)

Der Verein für niederdeutsche Sprachforschung bietet mit seinen Jahrestagungen ein Forum für alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in Themenbereichen zur niederdeutschen Sprache und Literatur in Vergangenheit und Gegenwart forschen. Für die Jahrestagung 2015, die vom 25. bis 28. Mai in Tallinn (Estland) stattfinden wird, ist als Schwerpunktthema „Niederdeutsch im Ostseeraum“ vorgesehen.

Alle Informationen finden Sie im Initiates file downloadCall for Papers

Das Tagungsprogramm  finden Sie hier: Initiates file downloadProgramm Tallinn 2015

Tagungsbericht der 127. Jahresversammlung des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung, Paderborn, 9.–12. Juni 2014

Der Verein für niederdeutsche Sprachforschung richtete in diesem Jahr seine Tagung in der Bischofsstadt Paderborn aus, erstmals mit einem erklärten Schwerpunktthema, und zwar zur niederdeutschen Grammatik. Am Dienstagmorgen wurde die Tagung durch die Vorsitzende des Vereins Prof. Dr. Ingrid Schröder eröffnet; sie begrüßte die Tagungsteilnehmer in der Kardinal-Jaeger-Aula der Bildungsstätte Liborianum. Die Vorsitzende wies darauf hin, dass in den Vorträgen mehrfach die regionale Sprache und auch die Literatur Westfalens zur Sprache kommen werde, und ging anschließend näher auf den diesjährigen Tagungsschwerpunkt ein. In ihren Grußworten betonten sowohl der Präsident der Universität Prof. Dr. Nikolaus Risch als auch der Dekan der Fakultät für Kulturwissenschaften Prof. Dr. Volker Peckhaus die Dynamik des Spannungsfeldes von Tradition und Moderne, die innnerhalb der Universität wie auch der ganzen Stadt Paderborn spürbar werde. So könne die Universität einerseits auf eine 400jährige Tradition der theologischen Fakultät zurückblicken, verstehe sich andererseits allerdings dezidiert als Universität der Informationsgesellschaft.

Das Tagungsprogramm umfasste sowohl Vorträge mit synchroner als auch diachroner Ausrichtung. In synchroner Hinsicht wurden dazu Projekte zur Regiolektforschung (Tophinke, Fischer), Salienzforschung (Spiekermann/ Hohenstein) sowie dialektaler Syntax (Elmentaler) und Morphologie (Nübling) vorgestellt. Diachrone Untersuchungen waren sowohl auf der grammatiktheoretischen (Merten) als auch auf der strukturellen Ebene mittelniederdeutscher Grammatik (Lenz, Solling, Wallmeier, Breitbarth, Werth, Schultz-Balluff, Langner) angesiedelt.

Eröffnet wurde das inhaltliche Programm durch den Vortrag von Doris Tophinke (Paderborn), die sich auf die „Spurensuche – Zur Gegenwart des Niederdeutschen in Ostwestfalen-Lippe“ begab. In ihrem Vortrag stellte Tophinke aktuelle Forschungsergebnisse zur Situation des Niederdeutschen in Ostwestfalen-Lippe vor, wobei ihr Schwerpunkt auf den lexikogrammatischen Umbauprozessen lag. Sie zeigte auf, dass das Niederdeutsche zwar nur noch in wenigen sozial-situativen Kontexten die dominante Varietät darstellt, strukturell gesehen jedoch nach wie vor – wenn auch verändert – im Regiolekt präsent ist.

Helmut Spiekermann und Line-Marie Hohenstein (Münster) widmeten sich in ihrem Vortrag „Mehrsprachigkeit an der Grenze. Sprachwissen und -wahrnehmung im Emsland und in der Grafschaft Bentheim“ dem Thema der Sprachwahrnehmung und -bewertung von Laien mithilfe der Korrelation von subjektiven und objektiven Daten aus Orten an der deutsch-niederländischen Grenze. Auf der Grundlage der vorgestellten Ergebnisse stellten Spiekermann und Hohenstein Thesen zu der Frage auf, in welcher Weise die betreffenden Regionen als mehrsprachig eingestuft werden müssen. Dabei gingen sie für Wesuwe (Emsland) von einer diglossischen Situation im Diasystem aus, da sie zum einen bei den Übersetzungssätzen ein Ineinandergreifen von standard- und niederdeutschen Varianten feststellten (Diasystem), zum anderen der Salienztest eine Abgrenzung beider Varietäten aufzeigte und auch die semantischen Differentiale den Varietäten Funktionsbereiche zuordneten (Diglossie). Die Ergebnisse für Itterbeck (Grafschaft Bentheim) wiesen noch eindeutiger auf ein Diasystem hin. Die Ergebnisse aus diesem Ort deuteten die Referenten so, dass das Niederdeutsche im triglossischen Kontext anscheinend eine Brückenfunktion zwischen dem Niederländischen und Hochdeutschen übernimmt und so auf mehreren Ebenen eine größere Resonanz erfährt.

Den abschließenden Vortrag an diesem Vormittag hielt Michael Elmentaler (Kiel). Unter dem Titel „‘Plattdüütsch hüüt’. Niederdeutsche Syntax in Schleswig Holstein“ stellte der Referent das gleichnamige Projekt vor, das sich der Aufarbeitung syntaktischer Raumstrukturen im Schleswig-Holsteinischen widmet. Elmentaler bot hierzu einen Einblick in die Fragestellungen und Methodik des Projekts. Neben der Aufdeckung von Dialektwandelprozessen, die im Zuge eines diachronen Zugriffs erfasst werden, soll im weiteren Verlauf vor allem der Frage nachgegangen werden, ob sich die areale Einteilung der Dialekte in phonologischer Hinsicht mit syntaktischen Isoglossen deckt. Des Weiteren wurden erste Ergebnisse der laufenden Fragebogenerhebung präsentiert, die eindeutige Indizien für einen Dialektwandel aufzeigen, aber auch die Stabilität zentraler grammatischer Merkmale sowie vorhandener Dialektgrenzen belegen. Darüber hinaus sollen die Ergebnisse des Projekts als Grundlage für das Erstellen von Lehrmaterialien für den Niederdeutschunterricht an Schulen und Universitäten dienen.

An die drei Vorträge des ersten Tages schlossen sich die Mitgliederversammlung und die Wahlen zum Vorstand an, über deren Verlauf und Ergebnisse zwei gesonderte Protokolle berichten, die im Anschluss an diesen Tagungsbericht zu finden sind. Die Führungen am Dienstagnachmittag hatten fast alle einen klaren Schwerpunkt in der mittelalterlichen Kirchengeschichte der Stadt und thematisierten Klöster, Dom und Kaiserpfalz der mittelalterlichen Bischofsstadt. Am frühen Abend folgte wie gewohnt der Empfang der Stadt.

Den zweiten Tagungstag eröffneten Vorträge zu synchronen grammatischen Fragestellungen des Niederdeutschen. Damaris Nübling (Mainz) vertrat in ihrem Vortrag zum Thema „Neuere Forschungen zur niederdeutschen Verbalmorphologie – Zur Reorganisation des Ablauts im Münsterländischen“ einen dezidiert funktionalistischen Ansatz bei der Betrachtung münsterländischer Flexionsmorphologie. Analog zu den von Maiden kürzlich untersuchten templates für romanische Sprachen nahm Nübling ihre Interpretation für das Münsterländische vor. Produktive Alternanzmuster im präteritalen Flexionssystem des Münsterländischen, die der starren Dichotomie zwischen starken und schwachen Verben im Standarddeutschen entgegenstehen, lassen für das münsterländische Ablautsystem im Präteritum nach Meinung der Referentin auf ein skalares Flexionsklassensystem mit stabilen Hybriden in beide Richtungen schließen.

Anschließend referierte Hanna Fischer (Marburg) über den „Präteritumschwund in den niederdeutschen Varietäten“, wobei sie hinter ihren Vortragstitel ein Fragezeichen setzte. Auf der Basis von Interviewdaten aus dem REDE-Projekt verglich sie drei Ortspunkte aus dem nieder-, mittel- und oberdeutschen Sprachraum und stellte dabei unterschiedliche Grade an Grammatikalisierung der Perfektformen in den untersuchten Gebieten fest. Die Erkenntnis, dass Perfektformen – entgegen bisherigen Forschungen – auch im niederdeutschen Sprachgebiet expandiert sind, wurde vor allem durch die Differenzierung der Ergebnisse im Hinblick auf Unterschiede im Aspektsystem (perfektiv, imperfektiv) ergänzt.

In ihrem Beitrag zu „Niederdeutschen Resultativ-, Modal- und Kausativkonstruktionen – gestern und heute“ fokussierte Alexandra Lenz (Wien) unterschiedliche Funktionen von syntaktischen Konstruktionen mit kriegen bzw. bringen für den oberdeutschen Sprachraum. Neben der empirischen Auswertung von Resultativkonstruktionen mit direktivischem Adverbialkomplement und adjektivischem Resultativattribut bzw. mit Partizipialphrase wurden besonders die für den niederdeutschen Sprachraum charakteristischen Modalkonstruktionen wie auch die Kausativkonstruktionen mit kriegen in den Blick genommen. Auf der Grundlage ihrer Befunde entwickelte Lenz schließlich die These, dass der resultative Grammatikalisierungspfad von kriegen im Niederdeutschen – im Vergleich zum Mittel- oder Oberdeutschen – am weitesten fortgeschritten zu sein scheint.

Marie-Luis Merten (Paderborn) wählte für ihren Vortrag mit dem Titel „Prototypen grammatisch betrachtet: Nichtflektierbare Grammeme in der mittelniederdeutschen Rechtsschriftlichkeit“ einem kognitionslinguistischen Ansatz. Nichtflektierbare Funktionswortarten wie Präpositionen oder Konjunktionen wurden am Beispiel eines Korpus aus Rechtstexten des 13.–17. Jahrhunderts im Hinblick auf Sprachausbau betrachtet. Mittelniederdeutsche Funktionswortarten wurden zum einen im Rahmen eines syntaktischen Grammatikalisierungsprozesses im Sinne propositional verdichteter Darstellungsmöglichkeiten untersucht, zum anderen wurde eine Modellierung konstruktionsbasierter Prototypenkategorien zu konstruktionalen Makrokonstruktionen angestrebt.

Auch Daniel Solling (Uppsala) legte mit seinem Vortrag „Die Stellung des attributiven Genitivs in mittelniederdeutschen Stadtrechten“ den Schwerpunkt auf die mittelniederdeutsche Syntaxforschung. Die vom Referenten angesprochene Stellungsvarianz bezog sich dabei vorrangig auf die prä- oder postnominale Realisierung des attributiven Genitivs in mittelniederdeutschen Rechtstexten und wurde u. a. für partitive/ nicht-partitive Genitive, Gottesbezeichnungen, Personenbezeichnungen und lexikalische Varianten (mannes, willen) korpusbasiert ausgewertet. Solling stellte dabei vor allem bei Personennamen wie auch bei Attributen zweiten Grades, die nach dem Kern flektiert werden, eine Dominanz der pränominalen Stellung fest, während Attribute zweiten Grades, die keine Flexion nach dem Kern aufweisen, eher nachgestellt realisiert werden.

Auch der Vortrag von Nadine Wallmeier (Paderborn) zu „Adverbialsätzen in mittelniederdeutschen Rechtstexten des 13. bis 16. Jahrhunderts“ bewegte sich im Forschungsfeld mittelniederdeutscher Syntax. Ausgehend von einem Korpus mittelniederdeutscher Rechtsverordnungen stellte Wallmeier konditionale Strukturen in Form von Adverbialsätzen (konjunktional eingeleitete Verbspät- bzw. Verbendsätze oder uneingeleitete Verberstsätze) vor. Diese wiesen sowohl eine Grammatikalisierung der Verbendstellung als auch eine stärkere Integration der beiden Satztypen in den Matrixsatz im Sinne eines Textverdichtungsprozesses auf. Genau wie Solling beschäftigt sich Wallmeier in ihrem Projekt sowohl mit Stellungsvarianten, konkurrierenden Konstruktionen als auch mit der diachronen und arealen Verteilung von Adverbialsätzen.

Alexander Werth (Marburg) schließlich beendete den zweiten Tagungstag mit einem Einblick in die „Namengrammatik im Niederdeutschen vom 17. bis zum 21. Jahrhundert“. Sein Vortrag fokussierte grammatische Regularitäten bei der Artikelsetzung in einfachen und komplexen Nominalphrasen, von Possessivkonstruktionen mit Namen sowie von flektierten Namen. Eine Korpusanalyse historischer sowie synchron-regionalsprachlicher Daten ergab eine herausragende Stellung des Westfälischen im Hinblick auf den Artikelgebrauch bei Namen, die sich sowohl auf syntaktische als auch pragmatische Funktionen zurückführen lässt. Im Gegensatz zur Artikelexpansion im mittel- und oberdeutschen Sprachraum wird nach Werth der Artikel vor Personennamen im Niederdeutschen durch den Einfluss der Standardsprache blockiert und weist daher – im Gegensatz zum Oberdeutschen – im norddeutschen Raum einen geringeren Grammatikalisierungsgrad auf.

Am letzten Tagungstag setzten sich die Vorträge mit diachronen Fragestellungen zum Niederdeutschen fort. Den Anfang machte Anne Breitbarth (Gent), die in ihrem Vortrag „Die unterschiedliche Vollzugsgeschwindigkeit von Jespersens Zyklus in verschiedenen mittelniederdeutschen Schreibdialekten“ auf den Verlust der urspünglichen Negationspartikel ni/ne > ne/en im Mittelniederdeutschen einging. Sie zeigte auf, dass der Übergang vom zweiten zum dritten Stadium dieses Zyklus zunächst in den Schreibdialekten der Hansestädte Lübeck und Stralsund zu beobachten war, während sich der Übergang in westfälischen Urkunden verzögert vollzog. Breitbarth bestimmte diesen Unterschied als Folge einer Kombination soziolinguistischer und sprachinterner Faktoren. Letztendlich interpretierte sie die Vereinfachung des Ausdrucks der Negation als eine Bestätigung von Trudgills Theorie der Vereinfachung unter Sprachkontakt aus dem Jahr 2011.

Der sich anschließende Vortrag „Wiederentdeckt: Die mittelniederdeutschen Textzeugen von ‘St. Anselmi Fragen an Maria’. Zum Stellenwert im Rahmen der Gesamtüberlieferung und Perspektiven der Erforschung“ von Simone Schultz-Balluff (Bochum) gab einen Überblick über das seit 2010 DFG-geförderte und von Simone Schultz-Balluff und Klaus-Peter Wegera geleitete Anselmus-Projekt. Schultz-Balluff führte dazu an, dass „St. Anselmi Fragen an Maria“ als einer der am reichsten überlieferten religiösen Texte gilt und dass ein Quer- und Längsschnittzugriff sprachhistorisch und dialektologisch Neuland erschließt. Den Schwerpunkt ihrer Ausführungen legte die Referentin auf die niederdeutschen Überlieferungszeugen und zeigte dabei erste Unterschiede in der Lexik, Morphologie und Syntax auf. Dabei ging Schultz-Balluff auch auf die Stellung der Passionsliteratur im Mittelalter ein und betonte den Stellenwert der mittelniederdeutschen Textzeugen innerhalb der Gesamtüberlieferung.

Paul Martin Langner (Krakau) beendete mit seinem Vortrag „‘… lectio laicorum…’ Zu den Wandmalereien einiger Kirchen in der südlichen Mark Brandenburg“ den letzten Tagungstag. Langner gab einen Überblick über bisher wenig bekannte zyklische Wandmalereien in Kirchen aus dem 15. Jahrhundert. Er zeigte auf, dass für diese Malereien Skulpturen in Kathedralen mögliche Quellen darstellten. Des Weiteren verwies er auf die Wichtigkeit der Verbindung verschiedener Medien (Bild und Text) in der Mediävistik und stellte Überlegungen über die Wirkung und Funktion der Wandmalereien an. Nach Langners Auffassung haben diese Malereien einen Vertretungscharakter der Vergangenheit in der Gegenwart. Der Referent regte an, über mögliche Vorlagen aus mittelalterlichen Handschriften für die Malereien zu diskutieren.

Zum Abschluss der Tagung wurden einige Vorabinformationen zur 128. Jahresversammlung in Tallinn mit dem Schwerpunkt „Niederdeutsch im Ostseeraum“ bekannt gegeben. Nähere Informationen zu Flug- und Hotelbuchungen wie auch die zeitigere Frist für das Call for papers werden in Kürze auf der Internetseite des Vereins zu finden sein.

Münster

Stephanie Sauermilch, Kathrin Weber