Jahresversammlung des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung 28. bis 31. Mai 2012 in Göttingen
In diesem Jahr fand die mittlerweile 125. Jahresversammlung des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung statt. Zum Auftakt öffnete die Arbeitsstelle des Niedersächsischen Wörterbuches am Pfingstmontagnachmittag ihre Türen für die Vereinsmitglieder. Dort konnten die Interessenten unter der kundigen Führung von Maik Lehmberg und Eckhard Eggers zwischen Zettelkästen und Fragebögen einen Eindruck von der lexikographischen Arbeit bekommen und somit auch einen ersten Einblick in das Thema des diesjährigen Kolloquiums „Alternative Lexikographie“ erhalten. In den Abendstunden des Feiertages traf man sich im Restaurant Bullerjahn im alten Rathaus zum geselligen Beisammensein. Am nächsten Morgen begrüßte Ingrid Schröder als Vorsitzende des Vereins die Tagungsgäste offiziell in den Räumen des Tagungszentrums der Universität an der Historischen Sternwarte. Sie verwies in ihren Eröffnungsworten auf das 125-jährige Tagungsjubiläum, das mit dem 275-jährigen Jubiläum der Georg-August-Universität Göttingen zusammenfiel, welches in derselben Woche begangen wurde.
Frau Schröder gab einen kurzen Überblick über die Vorträge und verortete sie in den Themenbereichen gegenwärtige Sprache und neuere Literatur wie auch Sprachgeschichte und Literaturgeschichte. Ein Schwerpunkt lag in diesem Jahr auf der (alternativen) Lexikographie, die das Thema des am Mittwoch stattfindenden Kolloquiums unter der Leitung von Dieter Stellmacher war. Diesem und den Mitarbeitern der Arbeitsstelle des Niedersächsischen Wörterbuches dankte die Vorsitzende besonders für die Unterstützung bei der Tagungsorganisation. Grußworte der Universität Göttingen überbrachten die Vizepräsendentin Hiltraud Casper-Hehne und der Kondekan der Philosophischen Fakultät Johannes Bergemann.
Die Vortragsreihe wurde im Anschluss von Henrike Lähnemann eröffnet. Sie stellte den Zuhörern bis dato unbekannte mittelniederdeutsche Textfragmente einer Passionsmediation vor, die in Figurenornaten des Klosters Wienhusen gefunden wurden. Durch die anschließende Diskussion des Beitrages zu diesem historischen Überlieferungskuriosum zwischen Text- und Textilgeschichte führte Friedel Roolfs.
Henrike Lähnemann (Newcastle):
Mittelniederdeutsch im Engelsgewand. Eine neu gefundene Passionsmeditation aus dem Kloster Wienhausen
Bei der Restaurierung von 20 Figurenornaten aus Kloster Wienhausen in der Textilrestaurierungswerkstätte der Klosterkammer Hannover in Kloster Lüne fanden sich unter den Fragmenten auch zwei Pergamentstreifen mit einer bislang unbekannten gereimten mittelniederdeutschen Passionsmeditation. Die beiden aus einer Doppelseite geschnittenen, aufeinander folgenden Streifen stammen aus Wien Hb 64, einem der Kleider für die Engel, die zu einer Skulpturengruppe des 13. Jahrhunderts gehörten, die sich ursprünglich auf dem Nonnenchor befand. Von dieser Gruppe hat sich nur die Figur des auferstehenden Christus und ein Flügelpaar erhalten, aber alle vier der in den Inventaren als „tunicae anglorum bezeichneten Gewänder. Von acht aufeinander folgenden Spalten ist jeweils der Mittelteil von 14 bis 15 Zeilen Länge erhalten, so dass sich der Textzusammenhang erschließen lässt.
Die ersten beiden Spalten handeln von der Verspottung des gekreuzigten Jesus, dem Gericht, dem Tränken mit Galle und den Sterbeworten Jesu. Das Grundgerüst dafür zeigt deutliche Parallelen zur „Bordesholmer Marienklage“, aber der Text wirkt durch sein Versmaß anders und wird durch betrachtende Einschübe in eine Passionsandacht verwandelt.
Die folgenden sechs Spalten erzählen in rascher Folge die Ereignisse von den Abschiedsreden Jesu (Matthäus 26) über Abendmahl, Salbung in Bethanien, Verrat des Judas und Fußwaschung bis zur Ankündigung des Verrats (Johannes 13). Die Evangelien sind synoptisch zur paargereimten Passionserzählung zusammengefügt. Dabei ähnelt die Vergegenwärtigung der Passion Christi der Dramatisierung des Passionsgeschehens in den Osterspielen; so sind die dramatischen Wechselreden zur Fußwaschung analog zum „Frankfurter Passionsspiel“ formuliert.
Sprachlich lässt sich der Text nach einer ersten Analyse von Friedel Helga Roolfs und Robert Peters vorsichtig dem 14. Jahrhundert und dem Elbostfälischen zuordnen. Die Figurenornate entstanden nach der Auffassung der Textilrestauratorinnen und der Auffassung von Dr. Charlotte Klack-Eitzen, die eine kunsthistorische Publikation zu den gesamten erhaltenen Kleidchen vorbereitet, im späten 15. Jahrhundert, also in der Zeit der norddeutschen Klosterreformen.
Der Vortrag legte zum einen eine Textrekonstruktion des Stücks vor, zum anderen bot er grundsätzliche Überlegungen zur Textform der Passionsandacht. Abschließend ging es um den weiteren Kontext und die Fragen, für wen der Text geschrieben wurde und wie er in den Saum des Engelsgewands gelangte.
Den Nutzen von Datenbanken und Computerprogrammen zur Datierung und Lokalisierung mittelniederdeutscher Handschriften erläuterten Sarah Kweekeboom und Christian Fischer im anschließenden Vortrag. Auf Grundlage des Korpus des „Atlas der spätmittelalterlichen Schreibsprachen des niederdeutschen Altlandes und angrenzender Gebiete“ (ASnA) haben sie ein Programm entwickelt, das sich momentan in der Erprobungsphase befindet und in Göttingen den kritischen Blicken der wissenschaftlichen Öffentlichkeit vorgestellt wurde.
Christian Fischer (Münster)/ Sarah Kwekkebom (Bochum):
Datierung und Lokalisierung mittelniederdeutscher Handschriften – Neue Möglichkeiten durch eine strukturierte Datenbankabfrage
Als Grundlage für den „Atlas der spätmittelalterlichen Schreibsprachen des niederdeutschen Altlandes und angrenzender Gebiete“ (ASnA) wurde in den Jahren 1994–2004 ein umfangreiches Korpus erstellt, das auch über die ursprüngliche Zielsetzung hinaus ein großes Potential für verschiedene Fragestellungen birgt. Der Vortrag gibt einen Überblick über die Möglichkeiten, die sich für die Datierung und Lokalisierung mittelniederdeutscher Texte durch eine strukturierte Korpus-Recherche ergeben.
Alle für die Kartenerstellung relevanten Belege sind mit einigen Zusatzinformationen und Kontext in einer Datenbank gespeichert, wo sie nach verschiedenen Kriterien gezählt, sortiert und gruppiert werden können. Die Belege sind lemmatisiert und darüber hinaus auf einer zweiten Annotationsebene jeweils einem bestimmten Belegtyp zugeordnet, der die Vielzahl der belegten Varianten zu einem charakteristischen Typ bündelt.
Diese Struktur und Aufbereitung der Daten erlaubt die weitere Verwendung besonders auch für EDV-gestützte Untersuchungen auf variablenlinguistischer Basis. Das vorgestellte Computerprogramm eröffnet die Möglichkeit einer weiteren Nutzung dieser Daten. Es bietet eine Hilfestellung für die Lokalisierung und Datierung mittelniederdeutscher Handschriften. Die Funktion des Programms beruht auf der Eingabe erkennbarer text- und variablenspezifischer Merkmale. Verschiedene Rechenprozeduren gleichen diese Eingaben mit den ASnA-Daten ab. Als Endprodukt liefert es dem Benutzer eine Liste mit Ortspunkten und Zeiträumen, deren Merkmale mit den eingegebenen Daten zu errechneten Prozentsätzen übereinstimmen. Spezifische Einstellungen erlauben erfahrenen Benutzern das manuelle Eingreifen in die Rechenprozedur auf verschiedenen Ebenen. Eine Erweiterung der Grunddaten durch andere Korpora kann zu einer Verfeinerung der Abfrageergebnisse beitragen.
Die angeregte Diskussion des Projektes, in der unter anderem die Fragen gestellt wurden, inwieweit sich die Abfrage auch auf Texte anderer Überlieferungstraditionen anwenden lasse und ob sich das Programm auch für Nutzer ohne großes Vorwissen modifizieren lasse, zeigte das große Interesse an der Optimierung eines solchen Programms, das weniger als Konkurrenz zum ASnA gedacht ist als viel mehr als computergestütztes Hilfsmittel zur schnelleren Datierung und Lokalisierung von Texten.
Nach der ersten Kaffeepause stellte Anja Johannsen – als dessen Leiterin – das Literarische Zentrum Göttingen kurz vor und lud für den Mittwochabend zur Lesung von Judith Zander ein. Das Erstlingswerk der jungen Berliner Autorin stand im Zentrum des anschließenden literaturwissenschaftlichen Vortrags. Martin Schröder übernahm hierbei die Diskussionsleitung und begrüßte als Referentin seine Göttinger Kollegin Babara Scheuermann.
Babara Scheuermann (Göttingen):
Avanciertes Erzählen – mit Niederdeutsch? Zu Struktur und Sprache von Judith Zanders Roman „Dinge, die wir heute sagten“
Der Vortrag befasste sich mit dem 2010 erschienenen umfangreichen und in vieler Hinsicht ungewöhnlichen Roman , in dem der Tod einer alten Frau im vorpommerschen Bresekow zum Ausgangspunkt einer beklemmenden Bestandsaufnahme wird. Der Todesfall fordert die von ihm Betroffenen zu widersprüchlichem Erzählen heraus über ihre Wahrnehmung gegenwärtigen Geschehens wie über manches in der Vergangenheit Erlebte und veranlasst die dörfliche Gemeinschaft zu selbstentlarvender Kommentierung von Verhaltensweisen.
In ersten Teil untersuchte der Vortrag die multiperspektivische Erzählweise mit neun Einzelstimmen sowie einer als „Die Gemeinde“ bezeichneten Kollektivstimme. Die Analyse erfolgte mit Blick auf strukturelle Besonderheiten des Erzählten und berücksichtigte dabei Aspekte von Figurengestaltung und Leserlenkung. Thematisiert wurden auch intertextuelle Bezüge, Judith Zanders Bemühen, an Uwe Johnson anzuschließen, und die bereits im Titel des Romans anklingende Referenz auf Beatles-Songs.
Um die sprachliche Seite des Textes ging es im zweiten Teil der Ausführungen. In den Fokus gerückt wurden Formen der Verwendung des Niederdeutschen, seine Rolle als Verständigungsmittel innerhalb der erzählten Welt sowie als Gegenstand metasprachlicher Erörterung von Protagonisten mit ausgeprägtem Sprachbewusstsein. Gezeigt wurde, wie die im Roman präsentierten Einzelstimmen sprachlich individuell konturiert, zugleich aber auch als charakteristisch für eine bestimmte Varietät gestaltet sind. Das vorrangig der Großeltern-Generation zugeordnete, meist als Einsprengsel in Form zitierter Figurenrede eingesetzte Niederdeutsch verleiht, zusammen mit einer vom Berlinischen beeinflussten Regionalsprache, dem Text Lokalkolorit und Authentizität.
Inwieweit das Niederdeutsche zur Subtilität von Zanders Erzählverfahren beiträgt, wurde abschließend knapp erörtert. Auf diese Frage ist gegenwärtig nur eine vorläufige Antwort möglich; Ergebnisse künftiger literaturwissenschaftlicher Untersuchungen bleiben abzuwarten.
Wiederum eine historische Perspektive wurde in dem Vortrag von Christine Wulf eingenommen. Sie berichtete aus der Arbeit des Projektes „Die deutschen Inschriften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit“ an der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und erläuterte anhand von niederdeutschen Inschriften die Parameter, die die Wahl der Schreibsprache dieser Textsorte beeinflussen können.
Christine Wulf (Göttingen):
Wann und warum sind Inschriften niederdeutsch?
Inschriften entfalten oft mehr als die auf Papier und Pergament festgehaltenen Schriftzeugnisse eine große und lang anhaltende öffentliche Wirkung. Gleichermaßen sind sie aufgrund ihrer materiellen Gebundenheit vielfach exakt datierte und ortsfeste Zeugnisse regionalsprachiger Schriftlichkeit. Selbstdarstellung im öffentlichen Raum über eine Generation hinaus ist Programm dieser Texte und bestimmt nicht nur ihre Themen und Inhalte, sondern auch die Wahl ihrer sprachlichen Form. Das gilt besonders in der von Mehrsprachigkeit geprägten Periode des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit (1350 bis 1650).
Der Vortrag nahm aus der Sicht des Epigraphikers und Inschriften-Editors zum einen Auftraggeberstrukturen, Verfasserprofile und Werkstatt-Netzwerke in den Blick und fragte zum anderen nach Vorlagen, Vorbildern und Traditionen, jeweils mit der Absicht, ihre Konsequenzen für die Wahl des Niederdeutschen als Inschriftensprache näher zu beleuchten. Gegenstand waren vor allem die an Häusern, auf Grabdenkmälern und auf kirchlichen Ausstattungsstücken angebrachten Inschriften des südniedersächsischen, wesentlich ostfälisch geprägten Sprachraums. In ihnen manifestiert sich die „öffentliche“ Sprache u.a. von Stadtbürgern und Angehörigen der ländlichen Adelsfamilien, von Geistlichen und Laien, insgesamt einer sozialhistorisch vielgestaltigen Führungsschicht, deren inschriftliche Äußerungen sich im Spannungsfeld zwischen Latein, autochthoner Mundart und überregionalen deutschsprachigen wie lateinischen Sprachformen entfalten und gleichermaßen Formelhaftes mit Individuellem kombinieren. Zu diskutieren war letztlich, worin der Quellenwert der Textgattung „Inschrift“ für die sprachhistorische Erforschung des Mittelniederdeutschen besteht.
Dem morgendlichen Vortragsprogramm schloss sich die alljährliche Mitgliederversammlung mit dem Bericht des Schatzmeisters an. Da Thomas Braun aus beruflichen Gründen nicht persönlich anwesend sein konnte, wurde sein Bericht verlesen. Das entsprechende Protokoll und der Bericht des Schatzmeisters finden sich im Anschluss an diesen Tagungsbericht. Nach einer kurzen Mittagspause gab es am Nachmittag die Möglichkeit, durch thematische Stadtführungen oder in Eigenregie die gastgebende Stadt besser kennen zu lernen. Bei den Stadtrundgängen konnten die Tagungsteilnehmer zwischen einer Führung mit Besichtigung der Historischen Sternwarte und einer plattdeutschen Führung wählen. Ziele der weiteren Führungen waren die Alte Universitätsbibliothek mit Paulinerkirche und Heyne-Saal und das Städtische Museum.
Am Dienstagabend waren die Vereinsmitglieder zum offiziellen Empfang der Stadt ins Göttinger Rathaus geladen. Dort begrüßte der Göttinger Bürgermeister Wilhelm Gerhardy die Vereinsmitglieder im Namen der Stadt und gratulierte zum 125. Tagungsjubiläum. Ingrid Schröder dankte für die Gastfreundschaft und verwies darauf, dass der Verein mittlerweile zum vierten Mal in Göttingen tagte. Nach dem Empfang nahmen viele Tagungsteilnehmer die Möglichkeit war, den Abend in einem der zahlreichen Lokale der Stadt ausklingen zu lassen.
Am Mittwochmorgen übernahm Michael Elmentaler die Diskussionsleitung und begrüßte als ersten Redner des zweiten Vortragstages Jürg Fleischer aus Marburg. Dieser präsentierte Methoden und erste Ergebnisse aus dem Projekt „Syntax hessischer Dialekte (SyHD)“ (vgl. www.syhd.info) und stellte Überlegungen zur syntaktischen Abgrenzung des Mittel- und Niederdeutschen an.
Jürg Fleischer (Marburg):
Die Grenze von Niederdeutsch und Mitteldeutsch im nördlichen Hessen: das Zeugnis syntaktischer Phänomene
Die areale Abgrenzung zwischen Niederdeutsch und Mitteldeutsch mittels der Benrather Linie gilt als eine der bestetablierten Isoglossen. Allerdings werden zur Abgrenzung und auch zur Binnengliederung des Niederdeutschen bisher in erster Linie phonologische Phänomene herangezogen, wobei die zweite Lautverschiebung in jüngeren Ansätzen nur ein Merkmal neben anderen darstellt, daneben treten gelegentlich auch morphologische und lexikalische. Im Vortrag sollte deshalb erkundet werden, ob und inwieweit sich das Niederdeutsche auch in syntaktischer Hinsicht abgrenzen lässt.
Dies geschah anhand von syntaktischen Daten, die im Rahmen des von der DFG finanzierten Forschungsprojekts „Syntax hessischer Dialekte (SyHD)“ seit Juni 2010 mittels der indirekten Methode erhoben wurden. Im Bundesland Hessen werden sehr unterschiedliche Dialekte gesprochen. Von den insgesamt ca. 160 Ortspunkten, an denen im Rahmen des Projekts Erhebungen durchgeführt werden, entfallen immerhin ca. 10 % auf niederdeutsche Orte. Es ergibt sich somit die Gelegenheit, syntaktische Phänomene des südlichen West- und Ostfälischen mit den übrigen Mundarten Hessens, insbesondere mit dem ans Niederdeutsche grenzenden Nordhessischen, zu vergleichen.
Im Rahmen des Vortrags wurde die areale Verteilung verschiedener synt
- Syntax von Pronominaladverbien (da weiß ich nichts (da)von, da denke ich nicht (dr)an)
Abfolge pronominaler Objekte (sie hat es mir/mir es gesagt)
Auftreten von erstarrten Genitivresten bzw. welch- in partitiver Funktion (es sind noch ihrer/welche da)
kriegen/bekommen- Passiv (er kriegt das Glas eingeschenkt)
Ein erster Überblick über die bisher erhobenen Daten deutet darauf hin, dass auch die syntaktischen Unterschiede zwischen Niederdeutsch und Mitteldeutsch durchaus bemerkenswert sind, besonders wenn berücksichtigt wird, dass syntaktische Isoglossen vermutlich grundsätzlich anders geartet sind als beispielsweise phonologische. Daneben könnte sich allerdings außerdem herausstellen, dass gerade das Nordhessische in manchen Konstruktionen eine gewisse Affinität zum nördlich angrenzenden Niederdeutschen zeigt.
Der folgende Vortrag von Nils Langer war als ein Beitrag zur 'Sprachgeschichte von unten' im Bereich der historischen Soziolinguistik zu verorten. Der Referent stellte seine Untersuchung eines Korpus von norddeutschen Soldatenbriefen aus dem Ersten Schleswigschen Krieg vor und warf hierbei die Frage auf, wie sich das Norddeutsch des 19. Jahrhunderts fassen lässt und wie es zwischen Hoch- und Niederdeutsch zu positionieren ist.
Nils Langer (Bristol):
Niederdeutsches in holsteinischen Soldatenbriefen von 1848
Dieser Vortrag stand im Zusammenhang eines Projektes zur historischen Soziolinguistik Schleswig-Holsteins im 19. Jahrhundert (vgl. www.spsh.uni-kiel.de). Ein Teil hiervon ist die Suche nach Spuren der autochthonen, nicht-dominierenden Sprachen Friesisch, Sønderjysk und Niederdeutsch, die bekannterweise vom offiziellen Schriftgebrauch fast gänzlich ausgeschlossen waren. Das Programm einer 'Sprachgeschichte von unten' bildete den Rahmen für diesen Vortrag, in dem ein kleines Korpus von Briefen einfacher Soldaten aus dem Ersten Schleswigschen Krieg (1848-51) vorgestellt wurde, das seit 100 Jahren mehr oder weniger unbeachtet in einer Kiste in der Universitätsbibliothek Kiel lag. Ziel des Vortrages war es, anhand einer sprachlichen Analyse der 64 Briefe von 17 Schreibern auf die Muttersprache der Schreiber zu schließen, vor allem darauf, ob die Schreibenden Niederdeutschsprecher waren und wie ihre sprachliche Kompetenz ausgeprägt war.
In dem durch zahlreiche Beispiele sehr anschaulichen Vortrag stellte sich heraus, dass alle Briefe in hochdeutscher Sprache mit norddeutscher Prägung verfasst waren und sich nur bei einem Schreiber niederdeutsche Bestandteile finden ließen. Dieser stammte wahrscheinlich aus dem Handwerk und benutzte vor allem in Schreiben an seine Mutter niederdeutsche Sätze, die jedoch meist als formelhafte Wendungen oder als humoreske Einsprengsel zu werten sind.
Nach der Kaffeepause übernahm Robert Langhanke die Moderation und stellte zunächst Klaas-Hinrich Ehlers vor. Der vorgestellte Referent berichtete aus einem Projekt zu sprachlichen Angleichungsprozessen Heimatvertriebener in Mecklenburg. Im Zentrum der Ausführungen stand die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen Vertreibung und Verlust des autochonen Herkunftsdialektes gibt.
Klaas-Hinrich Ehlers (Frankfurt/Oder):
Zur sprachlichen Akkulturation der Heimatvertriebenen in Mecklenburg. Ein Projektbericht
In den Jahren um 1945 strömten mehr als 12 Millionen Flüchtlinge und Heimatvertriebene aus den östlichen deutschen Sprachgebieten in westlichere Regionen. Die Durchmischung der dort ansässigen Bevölkerung mit einer derart hohen Zahl von ortsfremden Menschen wird gemeinhin als ein wichtiger Grund dafür angesehen, dass auf dem Gebiet der DDR und der BRD in der Nachkriegszeit die lokalen Dialekte stark geschwächt wurden. Gerade für Mecklenburg-Vorpommern erscheint diese Annahme auf den ersten Blick recht plausibel, denn hier stellten im ersten Jahrzehnt nach Kriegsende die sogenannten „Umsiedler“ in einigen Regionen sogar die Mehrheit der Bevölkerung dar.
Aktuelle Feldforschungen in Mecklenburg zeigen aber, dass viele der Heimatvertriebenen nach ihrer Ankunft noch im Jugendlichen- oder Erwachsenenalter Niederdeutsch gelernt haben. Neben dem Erwerb des Niederdeutschen haben sich die Vertriebenen und ihre Nachkommen zum Teil auch durch eine starke Anpassung an die mecklenburgische standardnahe Regionalsprache zu assimilieren versucht. Andererseits werden zum Teil auch heute noch in kleinsten Netzwerken die überkommenen Herkunftsdialekte gesprochen. Wir finden also auch in ländlichen mecklenburgischen Kommunikationsräumen zum Teil extrem vielstimmige Varietätenkonstellationen vor, deren allmähliche Verschiebungen in einem Forschungsvorhaben von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart nachgezeichnet werden sollen. Der Vortrag stellte die begonnene kontaktlinguistische Erhebung zur sprachlichen Akkulturation der Vertriebenen in Mecklenburg vor, bei der im Raum zwischen der Großstadt Rostock und der Kleinstadt Schwaan von Zeitzeugen der Nachkriegszeit subjektsprachliche und objektsprachliche Daten aufgezeichnet werden. Aus dieser laufenden Untersuchung wurde Arbeitshypothesen und erste Ergebnisse präsentiert.
Der darauf folgende Vortrag von Gerrit Appenzeller gab den Tagungsteilnehmern vor der Mittagspause einen Überblick über die Geschichte des Niedersächsischen Wörterbuchs und die Besonderheiten der Großlandschaftslexikographie und war somit eine erneute Hinführung zum Kolloquium. am Nachmittag
Gerrit Appenzeller (Göttingen):
Besonderheiten der Großlandschaftslexikographie am Beispiel des Niedersächsischen Wörterbuchs
Inwiefern unterscheiden sich Großlandschaftswörterbücher in ihrer Struktur und ihren Entstehungsbedingungen von anderen lexikographischen Produkten? Was sind Besonderheiten der diatopischen Lexikographie, und wo liegen dessen spezifische Schwierigkeiten bei der Bearbeitung? Was macht den besonderen Wert der Großlandschaftslexikographie aus?
Anhand der Geschichte des an der Universität Göttingen seit 1935 erarbeiteten Niedersächsischen Wörterbuchs wurde diesen und anderen Fragen im Vortrag exemplarisch nachgegangen. Ergänzt wurden die Ausführungen durch Vergleiche und Abgrenzungen zu anderen großlandschaftlichen Wörterbüchern, vor allem denjenigen des niederdeutschen Sprachraumes.
Die Spezifika der Wörterbucharbeit und seiner wissenschaftsgeschichtlichen Einordnung wurden anhand von lexikographieimmanenten und wissenschaftspolitischen Determinanten verdeutlicht.
Zu erster Kategorie gehören unter anderem die sprachliche Beschaffenheit des Bearbeitungsraumes und somit des vorliegenden Wortkorpus und die Folgen, die sich hieraus für die tagtägliche, praktische Wörterbucharbeit ergeben.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der der konzeptionellen Ausrichtung. Diese hat sich im Laufe der Zeit und der (fach-)wissenschaftlichen Entwicklungen mehrfach geändert und oft folgenreiche Spuren in den konkreten Wortartikeln hinterlassen. In diesem Zusammenhang ist die Ausgestaltung des Wörterbuchtextes mittels Wortkarten und Abbildungen zu erwähnen, aber auch, auf den ersten Blick weniger gut sichtbar, die erheblichen Kürzungen zugunsten einer Beschleunigung der Produktion.
Zu den wissenschaftspolitischen Determinanten zählen z.B. die Finanzierung solcher Langzeitforschungsprojekte und die sich hieraus ergebenden Abhängigkeiten und Folgen für die inhaltliche Ausrichtung der Wörterbücher. Mit der Finanzierung verbunden ist zudem die Frage nach der institutionellen Einbindung der Großlandschaftswörterbücher.
Thematisiert wurden ferner die meist in der Gründungszeit nach politischen Maßgaben erfolgte Abgrenzung des Bearbeitungsgebiets und die daraus resultierenden nicht unerheblichen Herausforderungen für die Wörterbuchbearbeitung. Von zentraler Bedeutung sind auch die (zeit-)geschichtlichen Rahmenbedingungen, haben diese doch den Verlauf der Wörterbucharbeit und die Frage nach der Finanzierung in nicht geringem Maße beeinflusst.
Nicht zuletzt war der Vortrag aber auch als Hinleitung zum und als Diskussionsanregung für das anschließende lexikographische Kolloquium zu sehen.
Nach der Mittagspause war eben dieses angesetzt und wurde von einer Posterpräsentation begleitet, die einen Überblick über die niederdeutschen lexikographischen Projekte gab und in der sich das Westfälische Wörterbuch, das Mittelelbische Wörterbuch, das Pommersche Wörterbuch, das Mittelniederdeutsche Handwörterbuch, das Niedersächsische Wörterbuch, das Plattdeutsch-Hochdeutsches Online-Wörterbuch für Ostfriesland und das Hamburgische Wörterbuch präsentierten.
Angekündigt war das Kolloquium unter dem folgenden Generalthema:
Kolloquium „Alternative Lexikographie“
Unter den auf den Jahrestagungen unseres Vereins organisierten Kolloquien stehen die den Wörterbüchern gewidmeten an vorderster Stelle. Das hat seinen Grund in der großen Rolle, welche die lexikographische Arbeit in den Sprachwissenschaften spielt, in Bezug auf standardisierte Sprachen wie auch in Bezug auf regionale Sprachformen.
Hieß es in Lübeck 1998 noch „Dialektlexikographisches Kolloquium“, wobei es vor allem um makrostrukturelle Fragen ging, aber auch schon um neue, die Wörterbuchpraxis verändernde technische Verfahren, so gab die schnelle technische Entwicklung im letzten Jahrzehnt Anlass, einmal alternative Wörterbuchverfahren in den Blick zu nehmen. Dabei geht es um die Möglichkeiten elektronischer Zugriffe auf gedruckte Wörterbücher, um Online-Wörterbücher sowie die Nutzung technischer Gegebenheiten in der Arbeit an historischen Wörterbüchern. Eine weitere sich in den letzten Jahren verstärkende alternative lexikographische Tendenz ist darin zusehen, dass mehr und mehr Handwörterbücher entstehen, die aus den Großlandschaftswörterbüchern abgeleitet worden sind.
Zu dieser im Vergleich zum herkömmlichen „Nachdenken über Wörterbücher“ und zur bewährten Kunst des Wörterbuchschreibens alternativen Lexikographie äußerten sich Robert Damme (Münster), Jürgen Meier (Hamburg), Claudine Moulin (Trier) und Jörg Peters (Oldenburg). Die einleitenden Vorträge der Podiumsteilnehmer werden an dieser Stelle kurz vorgestellt; sie sind in diesem Heft ab S. xxx vollständig abgedruckt.
Dieter Stellmacher führte in das Kolloquium ein und stellte den Anwesenden die Referenten vor.
Zunächst informierte Jürgen Meier über das Kleine Hamburgische Wörterbuch, das auf der Basis des Hamburgischen Wörterbuches entstanden ist und für das Zielpublikum der interessierten Laien modifiziert wurde. Die große Nachfrage nach der ersten Auflage zeige den Bedarf beim Zielpublikum. Mittlerweile würde diesem auf wissenschaftlicher Grundlage stehenden Wörterbuch jedoch Konkurrenz durch eine Veröffentlichung einer großen Hamburger Tageszeitung gemacht. In seinem Beitrag sprach Meier auch die Frage an, inwieweit für andere Regionen Handwörterbucher auf Basis der großlandschaftlichen Wörterbücher erstellbar seien, und stufte dieses aufgrund der dialektalen Vielfalt der Großregionen als problematisch ein.
Claudine Moulin und Vera Hildenbrandt berichteten über das Wörterbuchnetz des Kompetenzzentrums der Universität Trier und erläuterten seine Funktionen. Sie betonten hierbei vor allem die Ausbaufähigkeit des Projektes, das Vernetzungspotential mit anderen Wörterbüchern sowie die Vernetzung mit Quellentexten. Sie äußerten auch den Wunsch, lexikographische Werke des norddeutschen Raumes in das Netz aufzunehmen.
Mit dem Vocabularius Theutonicus des Johannes Egbert brachte Robert Damme eine historische Komponente in das Kolloquium. Er erläutere die Grundsätze seiner Edition dieses mittelniederdeutschen Wörterbuches und berichtete zudem über die in Arbeit befindliche digitale Fassung der Edition und ihre Möglichkeiten.
Die Möglichkeiten der neuen Medien nutzt auch das Plattdeutsch-Hochdeutsche Online Wörterbuch für Ostfriesland, das Jörg Peters als Vertreter der Universität Oldenburg wissenschaftlich betreut. Initiiert wurde dieses Projekt von der Ostfriesischen Landschaft.
Dieses zweisprachige Online-Wörterbuch soll der Erfassung des aktuellen niederdeutschen Gebrauchswortschatzes Ostfrieslands dienen und nimmt einen Platz zwischen wissenschaftlichen Wörterbüchern und Laienwörterbüchern ein. Der intendierte Benutzerkreis umfasst dabei nicht nur interessierte Laien, sondern auch den Bereich der Medien und Bildungseinrichtungen. Einen besonderen Vorteil der Online-Fassung sieht Jörg Peters in den ständigen Erweiterungsmöglichkeiten.
Den Expertenbeiträgen folgte eine angeregte Diskussion unter den Tagungsteilnehmern, in der sich, wie Dieter Stellmacher abschließend kurz zusammenfasste, vor allem zwei Stränge abzeichneten. Zum einen wurde immer wieder der Einfluss der neuen Technologien genannt, die vor allem den Umgang mit den Wörterbüchern erleichtern können und, was das Wörterbuchnetz zeigt, die Möglichkeiten bieten, verschiedene große Vorhaben miteinander zu verbinden. Es blieb jedoch als Frage offen, ob und inwieweit die Mittel der modernen Datenverarbeitung auch immer eine Erleichterung für den heutigen Lexikographen darstellen, vor allem wenn er mit Daten älterer Erhebungen in Zettelform arbeiten muss .
Zum Anderen wurde vor allem über das Verhältnis von Produzenten und Rezipienten, Wissenschaftler und Laien, und über die zwischen wissenschaftlichen Ansprüchen und Bedarf der Laien schwankende Zielsetzung diskutiert: Was macht vor diesem Hintergrund ein wissenschaftliches Wörterbuch aus? Ist es von Wissenschaftlern ausschließlich für andere Wissenschaftler verfasst? Welche Rolle spielen die von Laien für Laien erstellten Wörterbücher für die dialektale Lexikographie, und wie lässt sich die Problematik der auf den großlandschaftlichen Wörterbuchern basierenden Handwörterbücher lösen? Diese teils noch offenen Fragen bieten sicherlich auch weiterhin genügend Anknüpfungspunkte für weitere Überlegungen und Diskussionen zur Zukunft der „Alternativen Lexikographie“.
Das Kolloquium schloss den wissenschaftlichen Teil der Tagung ab. Am Abend hatten die noch in Göttingen verbliebenen Teilnehmer die Möglichkeit, Judith Zander und ihren in dem Vortrag von Frau Scheuermann analysierten Roman in einer Lesung der Autorin im Literarischen Zentrum zu erleben. Die junge Autorin las zwei längere Passagen aus ihrem Werk, die einen Eindruck von der sprachlichen Stimmenvielfalt ihres Romans vermittelten. Leider nahmen nur recht wenige Teilnehmer diese Gelegenheit wahr, ebenso wie das abschließende Angebot, sich der Exkursion nach Corvey anzuschließen. Das ehemalige Kloster Corvey ist heute ein Schloss im Privatbesitz, das aber besichtigt werden kann. Die ehemalige Klosteranlage, die barocke Kirche und die große Bibliothek mit dem Arbeitsräumen Hoffmanns von Fallersleben, der hier als Bibliothekar tätig war, boten ein eindrucksvolles Ensemble. Als kleinen Höhepunkt seiner Führung durch die Räume ließ der Cicerone im Westwerk, dem ältesten Teil der Gebäude, einen gregorianischen Gesang erklingen. Einen zweifachen Eindruck von dem landschaftlichen Reiz des Göttinger Umlandes vermittelten die Hinfahrt durch den vormittelgebirgigen, waldreichen Solling und die Rückfahrt am Nachmittag, die immer wieder den Blick auf die Weser und das Weserbergland freigab.
Paderborn Nadine Wallmeier
www.handschriftencensus.de/23637.