Institut für niederdeutsche Sprache (INS)

Der Verein für niederdeutsche Sprachforschung hat auf der Mitgliederversammlung der 129. Jahrestagung in Stendal am 17. Mai 2016 folgende Resolution zur aktuellen Situation des Instituts für niederdeutsche Sprache in Bremen verabschiedet. 

Initiates file downloadResolution

 

Pfingsttagung 2016 in Stendal

Der Verein für niederdeutsche Sprachforschung bietet mit seinen Jahrestagungen ein Forum für alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in Themenbereichen zur niederdeutschen Sprache und Literatur in Vergangenheit und Gegenwart forschen. Für die Jahrestagung 2016, die vom 16. bis 19. Mai in Stendal stattfinden wird, ist als Schwerpunktthema „Neue Methoden zur Erforschung des Niederdeutschen“ vorgesehen.

Das Tagungsprogramm  finden Sie hier: 

Initiates file downloadProgramm Stendal 2016

Nachwuchskolloquium 2016

für das 7. Kolloquium Forum Sprachvariation und das 5. Nachwuchskolloquium des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung vom 14.–15. Oktober 2016 an der Universität Leipzig

Das 7. Kolloquium des Forums Sprachvariation der Internationalen Gesellschaft für Dialektologie des Deutschen (IGDD) und das 5. Nachwuchskolloquium des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung (VndS) werden vom 14.–15.10.2016 erstmalig an der Universität Leipzig stattfinden.

Wir laden alle NachwuchswissenschaftlerInnen (Prae- und Postdocs) aus der Variationslinguistik herzlich ein, ihre Forschungsprojekte vorzustellen und die verschiedenen Ansätze gemeinsam zu diskutieren. Willkommen sind Beiträge aus den Themenfeldern der Dialektologie, der Regionalsprachenforschung, der Historischen Sprachwissenschaft und der niederdeutschen Philologie, aber auch solche, die eine dialektologisch-literaturwissenschaftliche Ausrichtung haben oder sich mit älteren niederdeutschen Texten befassen.

Vorschläge in Form eines aussagekräftigen Abstracts (300 bis 400 Wörter) können bis zum 15. März 2016 unter der Adresse Sprachvariation2016@uni-leipzig.de eingereicht werden. Eine Rückmeldung an die ReferentInnen erfolgt im Mai 2016.

Wir freuen uns, schon jetzt als Hauptvortragenden Prof. Dr. Stephan Elspaß (Universität Salzburg) ankündigen zu dürfen.

Die Anmeldung als TeilnehmerIn ohne eigenen Tagungsbeitrag ist bis zum 15. September 2016 möglich. Auf der Tagungshomepage conference.uni-leipzig.de/Sprachvariation2016 sind weitere Informationen zur Anmeldung und zum Programm, zur Anreise und zum Tagungsort zu finden.

Wir hoffen auf zahlreiches Erscheinen und konstruktive Diskussionen.

Luise Czajkowski, Matthias Hahn, Anja Schaufuß (Universität Leipzig) | Tim Kallenborn und Andrea Kleene (Universität Wien) | Robert Langhanke (Universität Flensburg)

128. Jahresversammlung des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung, 25. bis 28. Mai 2015 in Tallinn, Estland

Die 128. Jahrestagung des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung mit dem Schwerpunkt „Niederdeutsch im Ostseeraum“ fand, thematisch passend, in Tallinn statt. Trotz der langen Anreise zog es eine beachtliche Anzahl interessierter Vereinsmitglieder und Nachwuchsforscher in die estnische Hauptstadt, des Tagungsprogramms wegen, aber auch um den Charme der außerordentlich gut erhaltenen mittelalterlichen Altstadt zu spüren. Doch nicht nur architektonisch und historisch gesehen ist Tallinn von großem Interesse; interessant ist insbesondere auch die niederdeutsche Vergangenheit der Stadt. So gab es noch bis ins 17. Jahrhundert niederdeutsche Schriftzeugnisse in den Diarien Meuselers, des Ältermannes der Großen Gilde zu Reval, oder etwa auch in verschiedenen Schragen. Auch in der estnischen Gegenwartssprache finden sich noch immer viele Entlehnungen aus dem Niederdeutschen. Dieser niederdeutschen Vergangenheit wird seit Anfang 2012 im Forschungsprojekt „Die kulturellen Kontakte und ihre Widerspiegelung in den Texten der Frühen Neuzeit in Estland“ u.a. durch Aigi Heero an der Universität Tallinn nachgegangen.

Nach einem ersten geselligen Beisammensein im Restaurant „Spot“ in der Tallinner Altstadt am Montagabend wurde die Tagung am Dienstagmorgen in den Räumen des Mare-Gebäudes der Tallinner Universität eröffnet. Nach einer herzlichen Begrüßung durch die Dekanin der germanistischen Fakultät Prof. Dr. Aigi Heero, durch den Präsidenten der Universität Prof. Dr. Tiit Land, durch den Stadtsekretär Toomas Sepp und abschließend durch die Vorsitzende des Sprachvereins Prof. Dr. Ingrid Schröder sprachen zunächst Aigo Heero, Maris Saagpakk und Mari Tarvas über ein an der Universität Tallinn angesiedeltes Projekt zur Erforschung des Sprachkontakts von Estnisch und Niederdeutsch. 

Aigi Heero, Maris Saagpakk, Mari Tarvas (Tallinn): Die kulturellen Kontakte und ihre Widerspiegelung in den Texten der Frühen Neuzeit in Estland

In diesem ersten Vortrag des Tages ging es darum, die Arbeiten in dem genannten Projekt vorzustellen. Es wird durch den Estnischen Wissenschaftsfonds gefördert; geleitet wird es seit Anfang 2012 von Aigi Heero. Neben den Referentinnen war am Projekt noch Janika Kärk beteiligt. Sie verteidigte im Herbst 2014 erfolgreich ihre Dissertation, in der sie unter anderem den Partikelgebrauch in der frühen estnischen Schriftsprache und im Vergleich in der deutschen Sprache dieser Periode untersucht hat.

Das Vorhaben des ganzen Forscherteams besteht darin, die kulturellen Kontakte zwischen Estland und Westeuropa, dabei vorwiegend die Kontakte zu Deutschland bzw. zum deutschen Kulturraum zu untersuchen. Als Material dazu dienen halbfiktionale Texte wie Briefe, Gelegenheitsgedichte, Chroniken usw., die ein gewisses autobiographisches Element enthalten. Das Projekt beruht auf der Annahme, dass in solchen Texten trotz der teils starken Bindung an literarische Konventionen auch ein persönlicher Bezug zu finden ist. Das bedeutet, dass der Verfasser auch im Rahmen eines sehr reglementierten Textes einen Modus findet, die eigene Persönlichkeit in Erscheinung zu bringen. Das kann man beispielsweise auch über die Anotationes von David Gallus (1650–1659) sagen. Seine Erklärungen geben uns heute wertvolle Informationen über die damaligen soziokulturellen Umstände in Reval im Allgemeinen. Unter dem Aspekt der Einbettung persönlicher Elemente ist im Rahmen des Projekts auch die Chronik der Großen Gilde von Caspar Meuseler (1610–1641) behandelt worden. Dieser niederdeutsche Text enthält viele persönliche Einschätzungen des Autors und ist durch einen reichen Sprachgebrauch gekennzeichnet.

Ein weiterer Teil der Forschung des Projektteams geht von der Buchkunde aus und konzentriert sich auf die Analyse der in Tallinn im 18. Jahrhundert in Privatbesitz befindlichen Literatur. Da die meisten Buchbesitzer mit der deutschen Kultur verbunden waren, spiegeln die Tallinner Privatbibliotheken jener Periode dieselben Tendenzen wider, die auch in Deutschland festgestellt werden können. Es findet eine Verschiebung von der vormals dominierenden lateinischen Sprache zur deutschen Sprache statt. Der Anteil der neben der Sachliteratur wesentlich werdenden Erbauungsliteratur geht zugunsten der Belletristik zurück u. a. Unter den sehr unterschiedlichen Sprachen, die neben dem Lateinischen und Hochdeutschen in den Tallinner Sammlungen vertreten sind, spielt das Niederdeutsche eine geringe Rolle, doch sind auch niederdeutsche Texte vorhanden.

Nach einer kurzen Kaffeepause schloss sich der Vortrag von Kristiina Ross, in Vertretung gehalten von Maris Saagpakk, an. Inhaltlich beschäftigte er sich mit der Herausbildung der estnischen Schriftsprache und der Beeinflussung durch die deutsche Schrifttradition.

Kristiina Ross (Tallinn): Die Entstehung der estnischen Schriftsprache im Kontext der deutschen und estnischen Kulturgeschichte

Die estnische Schriftsprache wurde in einem langwierigen Prozess vom 16. Jahrhundert bis hinein ins 18. Jahrhundert von deutschsprachigen Pastoren im Verlauf der Übersetzung von Katechismen, Perikopen und der Bibel entwickelt. Im Mittelalter wurde die estnische Sprache zunächst nur in mündlicher Kommunikation gebraucht. Für die schriftliche Geschäftsführung wurde im mittelalterlichen Livland Latein oder Niederdeutsch benutzt. Man kann zwar in den damaligen lateinischen und niederdeutschen Dokumenten einige estnische Wörter finden, aber diese sind lediglich zufällige Elemente von geschriebener Mündlichkeit. Das mittelalterliche Estnische hatte alles in allem kein geschriebenes sprachliches Register.

Nach der Reformation, als man begonnen hat, Gottesdienste in den Muttersprachen der Gemeindemitglieder zu halten, und als auch die Bibel in diese Sprachen übersetzt werden sollte, entstand plötzlich ein großer Bedarf an volkssprachlichen Texten. Das verursachte überall in den protestantischen Regionen eine stürmische Entwicklung der Schriftsprachen. Die Besonderheit Livlands war, dass die Muttersprache fast aller Geistlichen Deutsch war, während die des Lesens und Schreibens unkundigen Bauern, welche die absolute Mehrzahl der Gemeindemitglieder bildeten, nur Lettisch oder Estnisch sprachen und verstanden. Deswegen mussten die deutschen Pastoren die nötigen Texte selbst aus dem Deutschen in diese fremden Volkssprachen übersetzen, um sie den Bauern verständlich machen zu können.

Die Esten nahmen am Prozess der Entwicklung der estnischen Schriftsprache in dieser Periode nur als passive Zuhörer teil. Erst als die Lesefähigkeit sich unter den estnischen Bauern seit dem Ende des 17. Jahrhunderts verbreitete, fingen die Esten an, auch selbst diese Texte zu lesen. Doch dauerte es noch lange, bis die Esten im 19. Jahrhundert imstande waren, ihre Schriftsprache selbst aktiv zu gebrauchen und soweit weiter zu entwickeln, dass sie ein zentrales Element des estnischen Kulturraums werden konnte. Selbstverständlich war die Schriftsprache, die sich unter solchen Umständen herausbildete, stark von der deutschen Sprache beeinflusst. Im 19. und 20. Jahrhundert haben viele puristische Spracherneuerungen stattgefunden, im Laufe derer man versucht hat, die Germanismen aus der Sprache auszusortieren. Dennoch ist der deutsche Einfluss auf die estnische Schriftsprache noch heute deutlich spürbar.

Als Abschluss des Vormittags sprach Tiina Kala über die Frage der Nationalitäten im spätmittelalterlichen Tallinn mit dem Schwerpunkt auf Soziolekt und Stellung einzelner sozialer Gruppen in Tallinn. Damit verbunden wurden verschiedene Ethnonyme der sozialen Gruppen füreinander vorgestellt.

Tiina Kala (Tallinn): Die Nationalitätenfrage im spätmittelalterlichen Reval

Mit der Ausbreitung der nationalen Bewegungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben sich auch die Historiker der Ostseeregion für die Frage der Nation, für die Bedeutung nationaler Zugehörigkeit und den Charakter der Beziehungen zwischen den Völkern in der Vergangenheit interessiert. Eines der zentralen Themen der Erforschung der estnischen Geschichte waren die Beziehungen zwischen Esten und Deutschen.

Die Behandlung der interethnischen Beziehungen im mittelalterlichen Livland hat den Ausführungen der Referentin zufolge mit einer Analyse der Begriffe zu beginnen, die zur Bezeichnung verschiedener Volksgruppen verwendet wurden. Zu diesen gehören sowohl die Ethnonyme im traditionellen Sinn als auch andere Bezeichnungen wie etwa „Christen“, „Neophyten“ oder „Heiden“. Mitunter sind diese Bezeichnungen inhaltlich neutral, manchmal weisen sie jedoch Konnotationen positiver oder negativer Art auf.

In dem Vortrag wurde es unternommen, den Komplex der „nationalen Frage“ in den schriftlichen Quellen des Mittelalters herauszuarbeiten. Dabei rückten vor allem zwei Aspekte in den Mittelpunkt der Analyse: 1) Was bedeutete der Begriff „Undeutsch“ in sprachlicher und historiografischer Hinsicht? 2) Wie und warum wurden in spätmittelalterlichen Revaler Quellen Ethnonyme und Personennamen (insbesondere in Hinsicht auf die Esten) gebraucht?

Der Vortrag stützte sich dabei in erster Linie auf die Ratsverordnungen sowie die Kämmerei- und Strafbücher aus dem mittelalterlichen Reval – Quellen also, die den wirklichen alltäglichen Sprachgebrauch annähernd wiedergeben dürften und ein weitaus breiteres Spektrum von Stadtbewohnern umfassen als etwa Urkunden und Briefe bzw. Erbe- oder Rentenbücher. Auf der Basis dieser Quellen wurde untersucht, welche Bedeutungen die Ethnonyme und andere Bezeichnungen der Personen im mittelalterlichen Reval hatten, welche sozialen, juristischen, sprachlichen und nationalen Verhältnisse der mittelalterliche Wortgebrauch widerspiegelte und ob die späteren Vorstellungen über historische Beziehungen zwischen verschiedenen Volksgruppen auch in dieser Zeit relevant sind.

Nach Tiina Kalas Vortrag fand die Mitgliederversammlung des Vereins statt. Am Nachmittag trafen sich Interessierte zum öffentlichen Vortrag in der Nikolaikirche in der Tallinner Altstadt. In dieser zum Museum umfunktionierten Kirche befindet sich das Tallinner Totentanzfragment, zu welchem Hartmut Freytag referierte.

Hartmut Freytag (Hamburg): Über das Totentanzfragment in Tallinn und den Lübecker Totentanz von 1463

Danse macabre – Danza general de la muerte – Dance of death – Dodendantz – Dødedandsen – Totentanz – Surmatants. – Von den romanischen Ländern ausgehend, haben sich Totentänze über weite Teile Europas hin ausgedehnt und auf ihrem Weg nach Nordosten auch die Ostsee erreicht. Der in Tallinn überlieferte sog. Revaler Totentanz (um 1500) [RTT] und der Lübecker Totentanz (1463) [LTT] gehören in Bild und Text als eigenständige Zeugen in die Tradition des Danse macabre von Paris (1424/1425), des einflussreichsten Totentanzes überhaupt.

Bis auf ihren Anfang, den Prediger und den Dudelsack spielenden Tod, stimmen die 13 Figuren des RTT in Haltung und Gewand fast genau mit denen des LTT überein. Unter den Figuren verlaufen die Dialogstrophen zwischen den Ständevertretern und dem Tod in mittelniederdeutschen Versen, die jeweils Spuren ihrer niederländischen Vorlage zeigen. Beide Totentänze repräsentieren einen im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit populären Kunsttypus, der in seinen Anfängen wohl in der Folge der ganz Europa heimsuchenden Pest von 1348 bis 1352 geschaffen und in der Lübecker Rats- und Bürgerkirche auf Leinwand gemalt wurde, als gut ein Jahrhundert später der Schwarze Tod, von Süden kommend, in Deutschland Angst und Schrecken verbreitete. Das eindringliche Gemälde mit seinen lebensgroßen Gestalten und die Dialogverse zwischen den Sterbenden und den Todesfiguren sollten jedem Betrachter, der sich in den Ständevertretern wiedererkannte, das Memento mori ins Gedächtnis rufen und ihm seine sozialen Pflichten im ordo Christianus der Stadt als die Voraussetzung für das Bestehen im Jüngsten Gericht und die Aufnahme in das ewige Leben vor Augen führen.

To dussem dantse rope ik al gemene

Pawes keiser vnde alle creatu...

Arm ryke groet vnde kleine

Tredet vort went iu en helpet nen truren

(RTT, Diplomatische Transkription)

To dessem Dansse rope ik alghemene,

Pawest, Keiser, vnde alle Creaturen,

Arme, Rike, grote vnde klene,

Tredet vort, wente iu en helpet nen truren

(LTT, Diplomatische Transkription)

Die hier zitierten vier Verse überliefern LTT und RTT gemeinsam. Im Übrigen ergänzen beide Fragmente einander.

Hauptanliegen des Vortrags war es, das Totentanzfragment in der Nikolaikirche von Tallinn, vor Ort zu erklären und mit dem der St. Marienkirche in Lübeck zu vergleichen sowie beide Zeugen historisch einzuordnen und zu interpretieren, auf der Grundlage theologischer, kunst- und literaturhistorischer und in geringerem Maß auch sprachwissenschaftlicher Studien vornehmlich aus den letzten 25 Jahren.

Zum Abschluss des ersten Tagungstages wurde in die Residenz der deutschen Botschaft auf dem Domberg geladen. Dort wurden die Tagungsteilnehmer vom deutschen Botschafter Christian Matthias Schlaga herzlich empfangen. Er erläuterte die bewegte Vergangenheit des Gebäudes der Residenz und wünschte der Tagung fruchtbringende Diskussionen und viele neue Erkenntnisse.

Die Vorträge am Mittwochmorgen waren thematisch der Verbreitung des Niederdeutschen in Ost- und Nordeuropa gewidmet. Den Anfang machte dabei Steffen Höder mit einem Vortrag über das Niederdeutsche in Nordeuropa. Er stellte unter anderem ein anlaufendes Projekt zur grammatischen Arealisierung vor, das die vielschichtigen Sprachformungsprozesse näher beleuchten soll.

Steffen Höder (Kiel): Niederdeutsch in nordeuropäischen Arealen

Das Niederdeutsche steht seit jeher in Kontakt zu benachbarten Sprachen. Dazu zählen zum einen die unmittelbar angrenzenden Sprachen wie Niederländisch, Hochdeutsch, Polnisch und Dänisch, zum anderen aber auch Sprachen jenseits von Nord- und Ostsee, die mit dem Niederdeutschen vor allem durch hansezeitliche Handelsbeziehungen und Migrationsbewegungen verbunden sind, etwa Norwegisch und Schwedisch. Dadurch hat Niederdeutsch historisch eine Scharnierfunktion bei der kontaktbedingten Vermittlung deutscher (und allgemeiner: westgermanischer oder in einem typologischen Sinn kontinentaleuropäischer) Strukturen auf allen sprachlichen Ebenen in die nordischen Sprachen sowie umgekehrt auch nordischer (und allgemeiner: nordeuropäischer) Strukturen in den deutschen Sprachraum.

Das Ergebnis solcher Kontakte ist eine vielschichtige sprachliche Arealbildung in Nordeuropa, die skandinavische und deutsche Varietäten verbindet. Die entsprechenden Areale stehen im Mittelpunkt des anlaufenden Projekts „Grammatische Arealität in Nordeuropa und Norddeutschland (GrammArNord)“, das dieser Vortrag vorstellt. Dieses Projekt zielt auf den Aufbau einer Datenbank ab, die relevante grammatische Merkmale in Standard- und Nonstandardvarietäten der jeweiligen Sprachen erfasst und geotemporal referenziert. Diese Datenbank ermöglicht über eine automatisierte Kartierung auch die Darstellung gegenwärtiger und historischer arealer Verteilungen grammatischer Merkmale, was wiederum die Untersuchung von Ausbreitungswegen und zugrunde liegenden Kontaktszenarien erlaubt.

Der Vortrag konzentrierte sich exemplarisch auf einige aus niederdeutscher Perspektive besonders markante Fälle, die typische Verteilungsmuster zeigen, namentlich die phorisch gebrauchten Demonstrativa (wie im nordniederdeutschen dat ‘es’), die Genitivperiphrase und die Kasusdeflexion (v. a. den Synkretismus bei den obliquen Kasus).

Den Vormittag beschloss Heinrich Siemens mit seinem Vortrag zu Sprachkontakten und Sprachbünden im östlichen Ostseeraum.

Heinrich Siemens (Bonn): Sprachkontakte im östlichen Ostseeraum

An der Ostsee stoßen vier Sprachfamilien aneinander und stehen zum Teil seit Jahrtausenden in Sprachkontakt. Besonders lang und intensiv war der Sprachkontakt zwischen baltischen und ostseefinnischen Sprachen, genauer: im lettisch-livisch-estnischen Kernbereich. Später kam das Slavische hinzu, und während der Hansezeit war auch das Mittelniederdeutsche – vor allem in den Städten – eine Sprache des Baltikums.

Im Vortrag wurden 14 Sprachen betrachtet, die im Ostseeraum im letzten Jahrtausend gesprochen wurden: zwei baltische (Lettisch, Litauisch), drei ostseefinnische (Livisch, Estnisch, Finnisch), drei slavische (Kaschubisch, Polnisch, Russisch) und sechs germanische (Hochdeutsch, Niederdeutsch, Plautdietsch, Jiddisch, Schwedisch und Dänisch).

Von den 23 betrachteten sprachlichen Merkmalen, die auffällige Konvergenzen in den östlichsten Ostsee-Sprachen zeigen, seien hier beispielhaft zwei Konzessionskonstruktionen erwähnt, die auch im Plautdietschen und Jiddischen (als östlichster nieder- bzw. hochdeutscher Varietät mit intensivem Sprachkontakt zu östlichen Nachbarsprachen) zu finden sind.

Nach der Vorstellung der 14 Sprachen und ihres Verhaltens in Bezug auf die 23 Isolinien wurde das komplette Material einer Clusteranalyse unterzogen. Die sich dabei ergebenden Cluster kann man als Sprachbünde sehen und könnte damit den Vorwürfen der Zirkularität der Sprachbundforschung entgegentreten – wenn man die an einem Sprachbund beteiligten Sprachen dadurch charakterisiert, dass sie gewisse Gemeinsamkeiten aufweisen und andererseits diese Gemeinsamkeiten sich dadurch auszeichnen, dass sie im zur Diskussion stehenden Sprachbund gehäuft auftreten.

Die Clusteranalyse legt die Annahme zweier Sprachbünde an der östlichen Ostsee nahe, an denen jeweils drei der vier aufgeführten Sprachfamilien beteiligt sind: Zum einen ein Bund aus Estnisch, Livisch, Lettisch und Plautdietsch, zum anderen einer aus Litauisch, Jiddisch und den slavischen Sprachen.

Nach einer Kaffeepause wurden der Themenbereich der Perspektiven des Niederdeutschen in der Neuzeit weiter verfolgt. Zunächst sprach Lars Vorberger zur gegenwärtigen Situation des Niederdeutschen auf Rügen.

Lars Vorberger (Marburg): Niederdeutsch auf Rügen

Wie lässt sich der aktuelle Gebrauch des Niederdeutschen im Ostseeraum beschreiben? Zur Beantwortung dieser Frage wurde im Vortrag die heutige Sprachverwendung auf der Insel Rügen näher untersucht. Diese nimmt sowohl dialektgeografisch wie auch sprachhistorisch eine Sonderstellung innerhalb des Mecklenburgisch-Vorpommerschen ein und eignet sich somit besonders für regionalsprachliche Untersuchungen.

Während üblicherweise diachrone Studien vorgenommen werden, die allenthalben einen Wandel des Niederdeutschen feststellen konnten, so auch auf Rügen, wurde im Vortrag eine synchrone Analyse näher vorgestellt. Dabei standen folgende Fragen im Fokus: Wird im kommunikativen Alltag noch Niederdeutsch auf Rügen gesprochen? Wann/in welchen Situationen wird (ggf.) Niederdeutsch gesprochen? Wie lässt sich dieses Niederdeutsch (ggf.) phonetisch-phonologisch beschreiben? Welche außersprachlichen Faktoren spielen für mögliche Variation eine Rolle (Situation, Alter usw.)? Welche weiteren Formen regionalen Sprechens lassen sich ermitteln? Ausgehend vom Forschungsprojekt „Regionalsprache.de“ (REDE) wurden zur Beantwortung der Fragen Sprecher aus Bergen auf Rügen untersucht. Von fünf Sprechern aus drei Generationen liegen Sprachaufnahmen unterschiedlicher Gesprächssituationen vor. Diese wurden zum einen objektlinguistisch ausgewertet (phonetischer Abstandswert, Variablenanalyse), sodass Aussagen über die variativen Spektren der Sprecher und über die situative und individuelle Verwendung einzelner Merkmale des Vorpommerschen getroffen werden können. Zum anderen wurden aus der inhaltlichen Auswertung der sprachbiografischen Interviews Hinweise auf das Sprachverhalten und die Einschätzungen zum Niederdeutschen der Sprecher gewonnen.

Zu einem für das universitäre Niederdeutsch bedeutsamen Stück Fachgeschichte, dem letztlich gescheiterten Ruf Agathe Laschs nach Tartu, referierte Christine Kaiser. Anhand verschiedener Briefwechsel zeigte sie die erheblichen Probleme, die sich aufgrund der politischen Situation für das Berufungsverfahren ergaben. Obwohl Agathe Laschs Berufung nach Tartu von beiden Seiten durchaus gewünscht war, kam ein Ruf nicht zustande. Verantwortlich dafür ist wahrscheinlich die politische Einflussnahme des Deutschen Reiches auf den estnischen Präsidenten.

Christine M. Kaiser (Königslutter am Elm): „Wenn sich doch endlich einmal ein Hoffnungsstrahl bieten würde!“ Agathe Laschs vergebliches Warten auf den Ruf nach Dorpat/Tartu

Im Jahr 1939 stand die estnische Universität Dorpat/Tartu kurz davor, innerhalb der Germanistik einen Schwerpunkt für niederdeutsche Sprachforschung zu etablieren. Im Zuge des Berufungsverfahrens zur Besetzung der seit 1932 vakanten Professur für germanische Philologie hatte sich der Fakultätsrat mit 14 zu 1 Stimmen für die Erteilung des Rufs an die 1934 von den Nationalsozialisten aus ihrem Amt gejagte ehemalige Hamburger Professorin Agathe Lasch ausgesprochen. Die Gutachter hatten sie auch deshalb als besonders geeignet für die Nachfolge Wilhelm Wigets erachtet, weil man sich von der Niederdeutschphilologin erhoffte, die von ihrem Vorgänger begonnene Erforschung des ursprünglich aus dem Mittelniederdeutschen der Hansezeit hervorgegangenen Baltendeutschen und dessen vielfältigen Wechselbeziehungen mit dem Estnischen fortzuführen und weiter auszubauen.

Die Vorgänge um die letzten Endes gescheiterte Berufung Agathe Laschs wurden 2009 in einem Sammelband mit Aufsätzen zu Leben, Werk und Wirkung der Philologin auf der Grundlage der bis zu diesem Zeitpunkt bekannten und zugänglichen Quellen zu rekonstruieren versucht. Offen bleiben musste dabei u. a. eine abschließende Bestimmung der Rolle Nazideutschlands und seiner ausführenden Organe bei der durch den estnischen Staatspräsidenten verfügten Ablehnung der Berufung Laschs, was nun auf der Grundlage von Akten aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amts in Berlin erfolgen kann. Des Weiteren konnte seinerzeit nicht eindeutig nachvollzogen werden, wie es überhaupt zur Bewerbung der in Berlin weitgehend isoliert lebenden Wissenschaftlerin um die Professur in Dorpat hatte kommen können, zumal ihr Bewerbungsschreiben auf einen Zeitpunkt vor der offiziellen Ausschreibung der Stelle datiert war. Ebenso blieb ihre Sicht als Betroffene auf den Ablauf der sich über Monate erstreckenden Ereignisse bisher mangels entsprechender Informationen im Dunkeln. Durch die Auswertung weiterer Korrespondenz lässt sich die Perspektive Laschs auf die Geschehnisse nun weitgehend rekonstruieren.

Nach der Mittagspause schloss sich Andreas Biberstedt mit einem dezidiert linguistischen Vortrag an, in dem er anhand von kanzleisprachlichen Texten aus dem südlichen Ostseeraum, angelehnt an die Untersuchung von Peters für das Altland und angrenzende Gebiete, eine variablenlinguistische Untersuchung durchführte.

Andreas Bieberstedt (Rostock): Aspekte diachroner und diatopischer Konvergenz und Variation in den niederdeutschen Schreibsprachen des südlichen Ostseeraumes im 14. und 15. Jahrhundert

Gegenstand des Vortrages waren die mittelniederdeutschen Kanzleisprachen der Hansestädte des südlichen Ostseeraumes. Am Beispiel der mecklenburgischen, pommerschen und niederpreußischen Hansestädte Wismar, Rostock, Stralsund, Kolberg und Danzig sollte die zeitliche und räumliche Ausdifferenzierung der östlichen mittelniederdeutschen Schreibsprachenlandschaft des 14. und 15. Jahrhunderts beleuchtet werden. Anhand ausgewählter phonographematischer, morphologischer und lexikalischer Phänomene wurden Phänomene diachroner und diatopischer Konvergenz und Variation diskutiert, um auf diese Weise u.a. Fragen möglicher überregionaler Ausgleichsbewegungen zu beantworten. Für die niederdeutschen Schreibsprachen des 15. Jahrhunderts sind Tendenzen zu einem überregionalen Sprachausgleich zu konstatieren, durch den die landschaftlichen Schreibunterschiede besonders im Norden des Sprachgebietes überdeckt zu werden beginnen. Allerdings sind die Regularitäten solcher Ausgleichsbewegungen gerade für den ostniederdeutschen Raum bislang nur unzureichend geklärt. Auch die Annahme einer „Lübischen Norm“, also eines gemeinsamen Schreibusus der Kanzleien von Hansestädten wie Wismar, Rostock und Stralsund, der sich an Lübeck als dem politischen und ökonomischen Zentrum der Hanse orientiert hat, darf inzwischen als widerlegt gelten. Zudem bedürfen die verschiedenen lokalen Schreibsprachen des östlichen Neulandes, ihre sprachlichen Kennzeichen und ihre diatopische und diachrone Variation immer noch einer systematischen Beschreibung.

Die Ausführungen bezogen sich auf eine variablenlinguistische Analyse kanzleisprachlicher Texte aus den besagten Hansestädten. Als systematischer Vergleichspunkt dienten die sprachlichen Kennformen der Lübecker Kanzleisprache, deren Einfluss auf die nordöstlichen Kanzleisprachen herausgearbeitet wurde. Datenbasis bildete dabei das Urkundenkorpus des „Atlas ostmittelniederdeutscher Schreibsprachen des 14. und 15. Jahrhunderts“, der für die Zwecke dieser Studie um weiteres Datenmaterial (Urkunden, Protokolle, Briefe, Stadtbücher) unterschiedlicher Provenienz vergrößert wurde. In Bezug auf den Schreibsprachenort Lübeck konnte darüber hinaus Einsicht in das Kartenmaterial des (in Veröffentlichung befindlichen) „Atlas spätmittelalterlicher Schreibsprachen des niederdeutschen Altlandes und angrenzender Gebiete“ genommen werden.

Auch der nächste Vortrag hatte einen linguistischen Schwerpunkt. Sabina Tsapaeva lenkte die Aufmerksamkeit mit ihren Ausführungen zu den mittelniederdeutsch-altrussischen Sprachkontakten auf einen bisher noch nicht ausreichend untersuchten Forschungsaspekt.

Sabina Tsapaeva (Hamburg): Transsemantisierungsprozesse im mittelniederdeutsch-russischen Sprachkontakt

Zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert bereicherten Wörter und Wendungen aus dem Altrussischen den mittelniederdeutschen Wortschatz genauso, wie umgekehrt mittelniederdeutsche Entlehnungen den altrussischen Wortschatz erweitert haben. Dies lässt sich leicht erklären durch die intensiven Handels- und Sprachkontakte zwischen der Hanse und Nordwestrussland (Novgorod, Pleskau u.a.). So finden sich im Mittelniederdeutschen zahlreiche dem Altrussischen entnommene Bezeichnungen von Bediensteten, Gewichtsmaßen, Geldeinheiten, Handelsgütern, Schiffen, aber auch Räumlichkeiten wieder. Auch die Bedeutung der Übernahme von Formeln der Novgoroder Urkundensprache wurden im Vortrag berücksichtigt. Das Mittelniederdeutsche hat in dieser Sprachkontaktsituation allerdings nicht nur als Nehmersprache, sondern ebenso als Gebersprache fungiert. Bislang standen die Bezeichnungen für Importwaren sowie Maß- und Geldeinheiten, die aus dem Mittelniederdeutschen entlehnt wurden, nahezu ausschließlich im Fokus der russistischen und slawistischen Forschung. Die Frage zu beantworten, inwiefern und in welchem Maße die Bedeutung der entlehnten Lexeme beim Transfer verändert wurde, war Ziel des Vortrags.

Die Sprachkontaktphänomene sind dazu vorwiegend unter semantischem Aspekt betrachtet und in beide Richtungen analysiert und interpretiert worden. Als theoretische Grundlage bot sich dafür die Transfertheorie des serbischen Linguisten Jovan Ajdukovi? an, der im Bereich der semantischen Adaptation entlehnter Lexeme zwischen freier, partieller und Nulltranssemantisierung unterscheidet. Er versteht unter der Nulltranssemantisierung eine solche Übernahme, bei der die ursprüngliche Wortbedeutung beibehalten wird, während es bei der partiellen Transsemantisierung zu einer Teilgeneralisierung oder -spezialisierung kommt. Von einer freien Transsemantisierung ist dann die Rede, wenn die ursprüngliche Bedeutung bei der Adaptation in der Zielsprache sehr stark verändert wurde. Der Vergleich der Transsemantisierungsprozesse in beide Richtungen kann einen wertvollen Beitrag zur Erforschung des baltischen Sprachkontaktes des Mittelniederdeutschen mit dem Altrussischen in der Hansezeit leisten sowie möglicherweise eine neue Perspektive für die Lehnwortforschung eröffnen.

Den Abschluss des Tages bildete der Vortrag von Katharina Dreessen und Sarah Ihden. Ihre Untersuchung verschiedener Schragen des Baltikums versuchte mittels einer textlinguistischen Analyse charakteristische Textmuster und Satzstrukturen herauszuarbeiten.

Katharina Dreessen, Sarah Ihden (Hamburg): Mittelniederdeutsche Schragen des Baltikums

So wie die mittelalterlichen Zünfte selbst nicht ausschließlich gewerbliche Verbände waren, sondern als Unterabteilungen der Gemeinde gleichzeitig gewisse rechtliche, politische, militärische und administrative Funktionen übernahmen, lassen sich auch für ihre Zunftordnungen, die sogenannten Schragen, vielfältige kommunikative Funktionen annehmen. Die Klassifizierung juristischer Textsorten stellt unter anderem aufgrund des problematischen Kriteriums der normativen Textfunktion eine Herausforderung für die Textlinguistik dar. Um nun die mittelniederdeutschen Schragen des Baltikums innerhalb der Rechtstexte genauer verorten zu können, muss ihre konkrete Textfunktion, die sich u. a. in den Handlungsstrukturen zeigt, untersucht werden.

Schragen, die sämtliche Aspekte der Tätigkeiten der Zünfte und Gilden reglementieren, sind zunächst mit Satzungen und Geschäftsordnungen vergleichbar und folglich den Texten des Vertragswesens zuzuordnen. Welche Gemeinsamkeiten sie zu anderen Rechtstexten, vornehmlich den Textsorten der Beurkundung, aufweisen, muss ebenso untersucht werden wie mögliche individuelle strukturelle Merkmale.

Zu diesem Zwecke erfolgte im Vortrag eine textlinguistische Analyse mittelniederdeutscher Schragen des Baltikums. Sie sollte zeigen, ob sich charakteristische Text- und Handlungsstrukturen ermitteln lassen und welche Handlungen mit welcher Formelhaftigkeit vollzogen werden. Darüber hinaus wurden die Satzstrukturen der mittelniederdeutschen Schragen sowie die für die Umsetzung der Texthandlungen verwendeten sprachlichen Mittel untersucht. Bestimmte Forschungsfragen waren dabei besonders wichtig, etwa ob hier beispielsweise zwei- oder mehrgliedrige Ausdrücke vom Typ gutt zeugnus und glaubwurdige kundtschafft, die in den frühneuhochdeutschen Leipziger Zunftordnungen ermittelt worden sind, eine Rolle spielen oder ob Modalkonstruktionen, Verneinungen, Passivkonstruktionen und Konditionalgefüge, wie sie für deutsche und polnische Vereinssatzungen nachgewiesen worden sind, von Bedeutung sein könnten.

Das Ziel des Vortrages bestand darin, auf der Grundlage der Untersuchungsergebnisse eine konkrete Bestimmung der Textfunktion sowie eine genauere Einordnung der Schragen innerhalb der Rechtstexte vorzunehmen.

Wie üblich gab es auch in diesem Jahr die Möglichkeit, die Stadt der Tagung durch eine Führung genauer kennenzulernen. Die Interessierten wurden dabei von Maris Saagpakk zunächst durch die Unterstadt geführt, beginnend am historischen Rathaus auf dem Raekoja plats mit dem Wahrzeichen Vana Toomas, dem alten Stadtwächter Toomas, der auf der Rathausspitze thront, bis zum Dominikanerkloster und dem angrenzenden Katharinengang und zu dem Puppentheater, in dem einst sogar August von Kotzebue wirkte. Von dort aus ging es über das Pikk jalg, das ‘lange Bein’, in die Oberstadt, wo die schöne Aussicht über die Stadt genossen werden konnte. Den Abschluss bildete eine Besichtigung des Tallinner Doms, der die älteste Kirche Tallinns ist.

Den Auftakt zum letzten Tagungstag bildete Alfred Lamelis Vortrag, der Bezug auf seine Habilitationsschrift nahm. Sein grundlegendes, im Vortrag näher spezifiziertes Erkenntnisinteresse besteht darin, Methoden zur Systematisierung und Klassifizierung von Beziehungen der deutschen Dialekte zueinander zu entwickeln.

Alfred Lameli (Marburg): Raumstrukturen im Niederdeutschen – Ergebnisse einer quantifizierenden Analyse

Der Vortrag widmete sich der traditionsreichen Frage nach der Gliederung des Sprachraums, hier gewendet auf das niederdeutsche Areal in den Grenzen der Bundesrepublik Deutschland. Hintergrund ist eine Korpusanalyse, die auf die Daten des Sprachatlas des Deutschen Reichs zurückgreift. Angelegt war die Untersuchung als Re-Analyse der von Ferdinand Wrede evaluierten, für die Strukturierung des Sprachraums als prototypischen erachteten Dialektrealisierungen. Im Unterschied zum Vorgehen Wredes wurden die zugrundeliegenden sprachlichen Einheiten allerdings keiner subjektiven, d. h. vom Sprachwissenschaftler bewerteten, sondern auf Computerverfahren basierenden Gewichtung unterzogen. Damit wurde bezweckt, die Sprachlandschaft über Computermodelle fassbar zu machen und unter Verzicht subjektiver Entscheidungen der Frage nachzugehen, welche Struktur bzw. welche Strukturen der Sprachraum aufweist, wenn der traditionelle Ansatz auf der Grundlage identischen Materials, d. h. derselben sprachlichen Variablen einer methodischen Objektivierung unterzogen wird.

Hierfür wurden die entsprechenden Dialektrealisierungen in insgesamt 439 Landkreisen und kreisfreien Städten aus dem Wenkermaterial extrahiert und verschiedenen Auswertungsstrategien zugänglich gemacht. Der methodische Kern bestand darin, die Datenlage zunächst in ihrer vollen Komplexität zu erfassen, diese aus verschiedenen Perspektiven mithilfe dialektometrischer, bioinformatischer und geostatistischer Methoden zu betrachten und schließlich in ein Modell sprachlicher Ähnlichkeiten zu integrieren. Neben zahlreichen Bestätigungen traditioneller Sichtweisen, die sich aus diesem Vorgehen ergeben haben, ermöglicht das Resultat auch Neubewertungen, so z. B. bezogen auf die Unterscheidung zwischen dem westniederdeutschen und dem ostniederdeutschen Areal, auf die Stellung der niederfränkischen und mittelfränkischen Dialekte oder die Situation der hochdeutschen Sprachinseln im niederdeutschen Raum. Bemerkenswert ist an den Befunden, dass letztlich in allen Fällen schon zu frühen Zeitpunkten entsprechende Indizien in der Forschungsliteratur zu finden sind, die Sprachwissenschaft jedoch zumindest in ihren gröberen Klassifikationen stets den tradierten Mustern gefolgt ist. Der Vortrag stellte auf dieser Grundlage ausgewählte Ergebnisse vor.

Einen weiteren interessanten Ansatz präsentierte im Anschluss daran Goranka Rocco, die aus der Sicht einer Übersetzerin die soziolinguistisch ausgerichtete Frage stellte, wie sich die Übersetzung von niederdeutschen Textbestandteilen (Namen, Bezeichnungen, Dialogpassagen etc.) auf die Identität von literarischen Figuren auswirkt.

Goranka Rocco (Triest): Sozialsymbolische Funktion plattdeutscher Elemente in der Erzählliteratur als Übersetzungsproblem

Der Beitrag ging der Rolle der niederdeutschen Elemente in der Erzählliteratur des Ostseeraums aus soziolinguistischer und übersetzungswissenschaftlicher Sicht nach.

Die zentralen Untersuchungsfragen lauteten: 1) Welche Funktion kommt den niederdeutschen Merkmalen in der diastratischen, diatopischen und diaphasischen Verortung von Personen und Situationen zu? Inwieweit lässt sich von euphemischer oder dysphemischer Wirkung bestimmter Elemente sprechen? 2) Wie wird die fiktive Mündlichkeit der analysierten Textstellen ins Italienische übertragen? 3) Welche Tendenzen lässt der Vergleich mit den Übersetzungen in andere Sprachen (Kroatisch, Englisch, Französisch) erkennen? 4) Welche Rolle spielen der Zeitpunkt und der (sprach-)politische Kontext der Übersetzung? Lassen sich aus diachronischer Perspektive Präferenzen für bestimmte Übersetzungsstrategien erkennen?

Als Korpus der Untersuchung dienten ausgewählte deutsche Erzählwerke vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute, einschließlich ihrer italienischen, z. T. auch kroatischen, englischen und französischen Übersetzungen.

Zum Abschluss des wissenschaftlichen Teils der 128. Jahresversammlung des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung präsentierte Jörn Bockmann die Skizze einer neuen Projektidee.

Jörn Bockmann (Hamburg): Das Repertorium mittelniederdeutscher Literatur (1225–1650) – Skizze eines Projekts

Auf die Inhalte und Ziele dieser Projektidee wird in einem gesonderten größeren Beitrag in diesem Heft (s. S. xxx) eingegangen.

Nach Abschluss des wissenschaftlichen Teils trafen sich interessierte Teilnehmer mit Tiina Kala im in der Altstadt gelegenen Stadtarchiv. Anschließend an eine Einführung in die bewegte Geschichte des Archivs erfolgte eine Führung durch das Magazin mit einer detaillierten Erläuterung unterschiedlicher dort ausgestellter Schriftstücke aus verschiedenen Jahrhunderten. Im Anschluss wurden noch Urkunden ausgehoben und den Teilnehmern vorgeführt. Den Abschluss bildete eine Führung durch die Räumlichkeiten und den Innenhof des Archivs. Damit wurde die 128. Jahresversammlung des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung geschlossen.

Bielefeld, Julia Hütter