126. Jahresversammlung des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung 20.-23.05.2013.

 

Die Tagung wird durchgeführt in Kooperation mit dem Museumsberg Flensburg, dem European Center for Minority Issues (Flensburg), der Abteilung für niederdeutsche Sprache und Literatur der Universität Flensburg und dem Institut für Germanistik I der Universität Hamburg. Das Programm und  die Tagungsbroschüre finden Sie hier. Anmeldungen bitte mit diesem Formular, per Email oder Post. 

Mit einem Schwerpunkt „Mehrsprachigkeit in der Region" und einer Podiumsdiskussion "Niederdeutschdidaktik"

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Ingrid Schröder (Vorsitzende)/Mirko Newie (Sekr.), Institut für Germanistik I, Universität Hamburg, Von-Melle-Park 6, 20146 Hamburg, Tel. 040 /42838-2723 oder -4779; Mail: ingrid.schroeder(at)uni-hamburg.de und Tagungskooperation Robert Langhanke MA (Nr. Tagungstelefon kommt).

Tagungsbericht 2012:

Jahresversammlung des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung 28. bis 31. Mai 2012 in Göttingen

In diesem Jahr fand die mittlerweile 125. Jahresversammlung des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung statt. Zum Auftakt öffnete die Arbeitsstelle des Niedersächsischen Wörterbuches am Pfingstmontagnachmittag ihre Türen für die Vereinsmitglieder. Dort konnten die Interessenten unter der kundigen Führung von Maik Lehmberg und Eckhard Eggers zwischen Zettelkästen und Fragebögen einen Eindruck von der lexikographischen Arbeit bekommen und somit auch einen ersten Einblick in das Thema des diesjährigen Kolloquiums „Alternative Lexikographie“ erhalten. In den Abendstunden des Feiertages traf man sich im Restaurant Bullerjahn im alten Rathaus zum geselligen Beisammensein. Am nächsten Morgen begrüßte Ingrid Schröder als Vorsitzende des Vereins die Tagungsgäste offiziell in den Räumen des Tagungszentrums der Universität an der Historischen Sternwarte. Sie verwies in ihren Eröffnungsworten auf das 125-jährige Tagungsjubiläum, das mit dem 275-jährigen Jubiläum der Georg-August-Universität Göttingen zusammenfiel, welches in derselben Woche begangen wurde.

Frau Schröder gab einen kurzen Überblick über die Vorträge und verortete sie in den Themenbereichen gegenwärtige Sprache und neuere Literatur wie auch Sprachgeschichte und Literaturgeschichte. Ein Schwerpunkt lag in diesem Jahr auf der (alternativen) Lexikographie, die das Thema des am Mittwoch stattfindenden Kolloquiums unter der Leitung von Dieter Stellmacher war. Diesem und den Mitarbeitern der Arbeitsstelle des Niedersächsischen Wörterbuches dankte die Vorsitzende besonders für die Unterstützung bei der Tagungsorganisation. Grußworte der Universität Göttingen überbrachten die Vizepräsendentin Hiltraud Casper-Hehne und der Kondekan der Philosophischen Fakultät Johannes Bergemann.

Die Vortragsreihe wurde im Anschluss von Henrike Lähnemann eröffnet. Sie stellte den Zuhörern bis dato unbekannte mittelniederdeutsche Textfragmente einer Passionsmediation vor, die in Figurenornaten des Klosters Wienhusen gefunden wurden. Durch die anschließende Diskussion des Beitrages zu diesem historischen Überlieferungskuriosum zwischen Text- und Textilgeschichte führte Friedel Roolfs.

Henrike Lähnemann (Newcastle):
Mittelniederdeutsch im Engelsgewand. Eine neu gefundene Passionsmeditation aus dem Kloster Wienhausen

Bei der Restaurierung von 20 Figurenornaten aus Kloster Wienhausen in der Textilrestaurierungswerkstätte der Klosterkammer Hannover in Kloster Lüne fanden sich unter den Fragmenten auch zwei Pergamentstreifen mit einer bislang unbekannten gereimten mittelniederdeutschen Passionsmeditation. Die beiden aus einer Doppelseite geschnittenen, aufeinander folgenden Streifen stammen aus Wien Hb 641, einem der Kleider für die Engel, die zu einer Skulpturengruppe des 13. Jahrhunderts gehörten, die sich ursprünglich auf dem Nonnenchor befand. Von dieser Gruppe hat sich nur die Figur des auferstehenden Christus und ein Flügelpaar erhalten, aber alle vier der in den Inventaren als „tunicae anglorum bezeichneten Gewänder. Von acht aufeinander folgenden Spalten ist jeweils der Mittelteil von 14 bis 15 Zeilen Länge erhalten, so dass sich der Textzusammenhang erschließen lässt.

Die ersten beiden Spalten handeln von der Verspottung des gekreuzigten Jesus, dem Gericht, dem Tränken mit Galle und den Sterbeworten Jesu. Das Grundgerüst dafür zeigt deutliche Parallelen zur „Bordesholmer Marienklage“, aber der Text wirkt durch sein Versmaß anders und wird durch betrachtende Einschübe in eine Passionsandacht verwandelt.

Die folgenden sechs Spalten erzählen in rascher Folge die Ereignisse von den Abschiedsreden Jesu (Matthäus 26) über Abendmahl, Salbung in Bethanien, Verrat des Judas und Fußwaschung bis zur Ankündigung des Verrats (Johannes 13). Die Evangelien sind synoptisch zur paargereimten Passionserzählung zusammengefügt. Dabei ähnelt die Vergegenwärtigung der Passion Christi der Dramatisierung des Passionsgeschehens in den Osterspielen; so sind die dramatischen Wechselreden zur Fußwaschung analog zum „Frankfurter Passionsspiel“ formuliert.

Sprachlich lässt sich der Text nach einer ersten Analyse von Friedel Helga Roolfs und Robert Peters vorsichtig dem 14. Jahrhundert und dem Elbostfälischen zuordnen. Die Figurenornate entstanden nach der Auffassung der Textilrestauratorinnen und der Auffassung von Dr. Charlotte Klack-Eitzen, die eine kunsthistorische Publikation zu den gesamten erhaltenen Kleidchen vorbereitet, im späten 15. Jahrhundert, also in der Zeit der norddeutschen Klosterreformen.

Der Vortrag legte zum einen eine Textrekonstruktion des Stücks vor, zum anderen bot er grundsätzliche Überlegungen zur Textform der Passionsandacht. Abschließend ging es um den weiteren Kontext und die Fragen, für wen der Text geschrieben wurde und wie er in den Saum des Engelsgewands gelangte.

Den Nutzen von Datenbanken und Computerprogrammen zur Datierung und Lokalisierung mittelniederdeutscher Handschriften erläuterten Sarah Kweekeboom und Christian Fischer im anschließenden Vortrag. Auf Grundlage des Korpus des „Atlas der spätmittelalterlichen Schreibsprachen des niederdeutschen Altlandes und angrenzender Gebiete“ (ASnA) haben sie ein Programm entwickelt, das sich momentan in der Erprobungsphase befindet und in Göttingen den kritischen Blicken der wissenschaftlichen Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Christian Fischer (Münster)/ Sarah Kwekkebom (Bochum):
Datierung und Lokalisierung mittelniederdeutscher Handschriften – Neue Möglichkeiten durch eine strukturierte Datenbankabfrage

Als Grundlage für den „Atlas der spätmittelalterlichen Schreibsprachen des niederdeutschen Altlandes und angrenzender Gebiete“ (ASnA) wurde in den Jahren 1994–2004 ein umfangreiches Korpus erstellt, das auch über die ursprüngliche Zielsetzung hinaus ein großes Potential für verschiedene Fragestellungen birgt. Der Vortrag gibt einen Überblick über die Möglichkeiten, die sich für die Datierung und Lokalisierung mittelniederdeutscher Texte durch eine strukturierte Korpus-Recherche ergeben.

Alle für die Kartenerstellung relevanten Belege sind mit einigen Zusatzinformationen und Kontext in einer Datenbank gespeichert, wo sie nach verschiedenen Kriterien gezählt, sortiert und gruppiert werden können. Die Belege sind lemmatisiert und darüber hinaus auf einer zweiten Annotationsebene jeweils einem bestimmten Belegtyp zugeordnet, der die Vielzahl der belegten Varianten zu einem charakteristischen Typ bündelt.

Diese Struktur und Aufbereitung der Daten erlaubt die weitere Verwendung besonders auch für EDV-gestützte Untersuchungen auf variablenlinguistischer Basis. Das vorgestellte Computerprogramm eröffnet die Möglichkeit einer weiteren Nutzung dieser Daten. Es bietet eine Hilfestellung für die Lokalisierung und Datierung mittelniederdeutscher Handschriften. Die Funktion des Programms beruht auf der Eingabe erkennbarer text- und variablenspezifischer Merkmale. Verschiedene Rechenprozeduren gleichen diese Eingaben mit den ASnA-Daten ab. Als Endprodukt liefert es dem Benutzer eine Liste mit Ortspunkten und Zeiträumen, deren Merkmale mit den eingegebenen Daten zu errechneten Prozentsätzen übereinstimmen. Spezifische Einstellungen erlauben erfahrenen Benutzern das manuelle Eingreifen in die Rechenprozedur auf verschiedenen Ebenen. Eine Erweiterung der Grunddaten durch andere Korpora kann zu einer Verfeinerung der Abfrageergebnisse beitragen.

Die angeregte Diskussion des Projektes, in der unter anderem die Fragen gestellt wurden, inwieweit sich die Abfrage auch auf Texte anderer Überlieferungstraditionen anwenden lasse und ob sich das Programm auch für Nutzer ohne großes Vorwissen modifizieren lasse, zeigte das große Interesse an der Optimierung eines solchen Programms, das weniger als Konkurrenz zum ASnA gedacht ist als viel mehr als computergestütztes Hilfsmittel zur schnelleren Datierung und Lokalisierung von Texten.

Nach der ersten Kaffeepause stellte Anja Johannsen – als dessen Leiterin – das Literarische Zentrum Göttingen kurz vor und lud für den Mittwochabend zur Lesung von Judith Zander ein. Das Erstlingswerk der jungen Berliner Autorin stand im Zentrum des anschließenden literaturwissenschaftlichen Vortrags. Martin Schröder übernahm hierbei die Diskussionsleitung und begrüßte als Referentin seine Göttinger Kollegin Babara Scheuermann.

Babara Scheuermann (Göttingen):
Avanciertes Erzählen – mit Niederdeutsch? Zu Struktur und Sprache von Judith Zanders Roman „Dinge, die wir heute sagten“

Der Vortrag befasste sich mit dem 2010 erschienenen umfangreichen und in vieler Hinsicht ungewöhnlichen Roman , in dem der Tod einer alten Frau im vorpommerschen Bresekow zum Ausgangspunkt einer beklemmenden Bestandsaufnahme wird. Der Todesfall fordert die von ihm Betroffenen zu widersprüchlichem Erzählen heraus über ihre Wahrnehmung gegenwärtigen Geschehens wie über manches in der Vergangenheit Erlebte und veranlasst die dörfliche Gemeinschaft zu selbstentlarvender Kommentierung von Verhaltensweisen.

In ersten Teil untersuchte der Vortrag die multiperspektivische Erzählweise mit neun Einzelstimmen sowie einer als „Die Gemeinde“ bezeichneten Kollektivstimme. Die Analyse erfolgte mit Blick auf strukturelle Besonderheiten des Erzählten und berücksichtigte dabei Aspekte von Figurengestaltung und Leserlenkung. Thematisiert wurden auch intertextuelle Bezüge, Judith Zanders Bemühen, an Uwe Johnson anzuschließen, und die bereits im Titel des Romans anklingende Referenz auf Beatles-Songs.

Um die sprachliche Seite des Textes ging es im zweiten Teil der Ausführungen. In den Fokus gerückt wurden Formen der Verwendung des Niederdeutschen, seine Rolle als Verständigungsmittel innerhalb der erzählten Welt sowie als Gegenstand metasprachlicher Erörterung von Protagonisten mit ausgeprägtem Sprachbewusstsein. Gezeigt wurde, wie die im Roman präsentierten Einzelstimmen sprachlich individuell konturiert, zugleich aber auch als charakteristisch für eine bestimmte Varietät gestaltet sind. Das vorrangig der Großeltern-Generation zugeordnete, meist als Einsprengsel in Form zitierter Figurenrede eingesetzte Niederdeutsch verleiht, zusammen mit einer vom Berlinischen beeinflussten Regionalsprache, dem Text Lokalkolorit und Authentizität.

Inwieweit das Niederdeutsche zur Subtilität von Zanders Erzählverfahren beiträgt, wurde abschließend knapp erörtert. Auf diese Frage ist gegenwärtig nur eine vorläufige Antwort möglich; Ergebnisse künftiger literaturwissenschaftlicher Untersuchungen bleiben abzuwarten.

Wiederum eine historische Perspektive wurde in dem Vortrag von Christine Wulf eingenommen. Sie berichtete aus der Arbeit des Projektes „Die deutschen Inschriften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit“ an der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und erläuterte anhand von niederdeutschen Inschriften die Parameter, die die Wahl der Schreibsprache dieser Textsorte beeinflussen können.

Christine Wulf (Göttingen): 
Wann und warum sind Inschriften niederdeutsch?

Inschriften entfalten oft mehr als die auf Papier und Pergament festgehaltenen Schriftzeugnisse eine große und lang anhaltende öffentliche Wirkung. Gleichermaßen sind sie aufgrund ihrer materiellen Gebundenheit vielfach exakt datierte und ortsfeste Zeugnisse regionalsprachiger Schriftlichkeit. Selbstdarstellung im öffentlichen Raum über eine Generation hinaus ist Programm dieser Texte und bestimmt nicht nur ihre Themen und Inhalte, sondern auch die Wahl ihrer sprachlichen Form. Das gilt besonders in der von Mehrsprachigkeit geprägten Periode des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit (1350 bis 1650).

Der Vortrag nahm aus der Sicht des Epigraphikers und Inschriften-Editors zum einen Auftraggeberstrukturen, Verfasserprofile und Werkstatt-Netzwerke in den Blick und fragte zum anderen nach Vorlagen, Vorbildern und Traditionen, jeweils mit der Absicht, ihre Konsequenzen für die Wahl des Niederdeutschen als Inschriftensprache näher zu beleuchten. Gegenstand waren vor allem die an Häusern, auf Grabdenkmälern und auf kirchlichen Ausstattungsstücken angebrachten Inschriften des südniedersächsischen, wesentlich ostfälisch geprägten Sprachraums. In ihnen manifestiert sich die „öffentliche“ Sprache u.a. von Stadtbürgern und Angehörigen der ländlichen Adelsfamilien, von Geistlichen und Laien, insgesamt einer sozialhistorisch vielgestaltigen Führungsschicht, deren inschriftliche Äußerungen sich im Spannungsfeld zwischen Latein, autochthoner Mundart und überregionalen deutschsprachigen wie lateinischen Sprachformen entfalten und gleichermaßen Formelhaftes mit Individuellem kombinieren. Zu diskutieren war letztlich, worin der Quellenwert der Textgattung „Inschrift“ für die sprachhistorische Erforschung des Mittelniederdeutschen besteht.

Dem morgendlichen Vortragsprogramm schloss sich die alljährliche Mitgliederversammlung mit dem Bericht des Schatzmeisters an. Da Thomas Braun aus beruflichen Gründen nicht persönlich anwesend sein konnte, wurde sein Bericht verlesen. Das entsprechende Protokoll und der Bericht des Schatzmeisters finden sich im Anschluss an diesen Tagungsbericht. Nach einer kurzen Mittagspause gab es am Nachmittag die Möglichkeit, durch thematische Stadtführungen oder in Eigenregie die gastgebende Stadt besser kennen zu lernen. Bei den Stadtrundgängen konnten die Tagungsteilnehmer zwischen einer Führung mit Besichtigung der Historischen Sternwarte und einer plattdeutschen Führung wählen. Ziele der weiteren Führungen waren die Alte Universitätsbibliothek mit Paulinerkirche und Heyne-Saal und das Städtische Museum.

Am Dienstagabend waren die Vereinsmitglieder zum offiziellen Empfang der Stadt ins Göttinger Rathaus geladen. Dort begrüßte der Göttinger Bürgermeister Wilhelm Gerhardy die Vereinsmitglieder im Namen der Stadt und gratulierte zum 125. Tagungsjubiläum. Ingrid Schröder dankte für die Gastfreundschaft und verwies darauf, dass der Verein mittlerweile zum vierten Mal in Göttingen tagte. Nach dem Empfang nahmen viele Tagungsteilnehmer die Möglichkeit war, den Abend in einem der zahlreichen Lokale der Stadt ausklingen zu lassen.

Am Mittwochmorgen übernahm Michael Elmentaler die Diskussionsleitung und begrüßte als ersten Redner des zweiten Vortragstages Jürg Fleischer aus Marburg. Dieser präsentierte Methoden und erste Ergebnisse aus dem Projekt „Syntax hessischer Dialekte (SyHD)“ (vgl. www.syhd.info) und stellte Überlegungen zur syntaktischen Abgrenzung des Mittel- und Niederdeutschen an.

Jürg Fleischer (Marburg):
Die Grenze von Niederdeutsch und Mitteldeutsch im nördlichen Hessen: das Zeugnis syntaktischer Phänomene
Die areale Abgrenzung zwischen Niederdeutsch und Mitteldeutsch mittels der Benrather Linie gilt als eine der bestetablierten Isoglossen. Allerdings werden zur Abgrenzung und auch zur Binnengliederung des Niederdeutschen bisher in erster Linie phonologische Phänomene herangezogen, wobei die zweite Lautverschiebung in jüngeren Ansätzen nur ein Merkmal neben anderen darstellt, daneben treten gelegentlich auch morphologische und lexikalische. Im Vortrag sollte deshalb erkundet werden, ob und inwieweit sich das Niederdeutsche auch in syntaktischer Hinsicht abgrenzen lässt.

Dies geschah anhand von syntaktischen Daten, die im Rahmen des von der DFG finanzierten Forschungsprojekts „Syntax hessischer Dialekte (SyHD)“ seit Juni 2010 mittels der indirekten Methode erhoben wurden. Im Bundesland Hessen werden sehr unterschiedliche Dialekte gesprochen. Von den insgesamt ca. 160 Ortspunkten, an denen im Rahmen des Projekts Erhebungen durchgeführt werden, entfallen immerhin ca. 10 % auf niederdeutsche Orte. Es ergibt sich somit die Gelegenheit, syntaktische Phänomene des südlichen West- und Ostfälischen mit den übrigen Mundarten Hessens, insbesondere mit dem ans Niederdeutsche grenzenden Nordhessischen, zu vergleichen.

Im Rahmen des Vortrags wurde die areale Verteilung verschiedener synt

  1. Syntax von Pronominaladverbien (da weiß ich nichts (da)von, da denke ich nicht (dr)an)
  1. Abfolge pronominaler Objekte (sie hat es mir/mir es gesagt)

  2. Auftreten von erstarrten Genitivresten bzw. welch- in partitiver Funktion (es sind noch ihrer/welche da)

  3. kriegen/bekommen- Passiv (er kriegt das Glas eingeschenkt)

Ein erster Überblick über die bisher erhobenen Daten deutet darauf hin, dass auch die syntaktischen Unterschiede zwischen Niederdeutsch und Mitteldeutsch durchaus bemerkenswert sind, besonders wenn berücksichtigt wird, dass syntaktische Isoglossen vermutlich grundsätzlich anders geartet sind als beispielsweise phonologische. Daneben könnte sich allerdings außerdem herausstellen, dass gerade das Nordhessische in manchen Konstruktionen eine gewisse Affinität zum nördlich angrenzenden Niederdeutschen zeigt.

Der folgende Vortrag von Nils Langer war als ein Beitrag zur 'Sprachgeschichte von unten' im Bereich der historischen Soziolinguistik zu verorten. Der Referent stellte seine Untersuchung eines Korpus von norddeutschen Soldatenbriefen aus dem Ersten Schleswigschen Krieg vor und warf hierbei die Frage auf, wie sich das Norddeutsch des 19. Jahrhunderts fassen lässt und wie es zwischen Hoch- und Niederdeutsch zu positionieren ist.

Nils Langer (Bristol):
Niederdeutsches in holsteinischen Soldatenbriefen von 1848

Dieser Vortrag stand im Zusammenhang eines Projektes zur historischen Soziolinguistik Schleswig-Holsteins im 19. Jahrhundert (vgl. www.spsh.uni-kiel.de). Ein Teil hiervon ist die Suche nach Spuren der autochthonen, nicht-dominierenden Sprachen Friesisch, Sønderjysk und Niederdeutsch, die bekannterweise vom offiziellen Schriftgebrauch fast gänzlich ausgeschlossen waren. Das Programm einer 'Sprachgeschichte von unten' bildete den Rahmen für diesen Vortrag, in dem ein kleines Korpus von Briefen einfacher Soldaten aus dem Ersten Schleswigschen Krieg (1848-51) vorgestellt wurde, das seit 100 Jahren mehr oder weniger unbeachtet in einer Kiste in der Universitätsbibliothek Kiel lag. Ziel des Vortrages war es, anhand einer sprachlichen Analyse der 64 Briefe von 17 Schreibern auf die Muttersprache der Schreiber zu schließen, vor allem darauf, ob die Schreibenden Niederdeutschsprecher waren und wie ihre sprachliche Kompetenz ausgeprägt war.

In dem durch zahlreiche Beispiele sehr anschaulichen Vortrag stellte sich heraus, dass alle Briefe in hochdeutscher Sprache mit norddeutscher Prägung verfasst waren und sich nur bei einem Schreiber niederdeutsche Bestandteile finden ließen. Dieser stammte wahrscheinlich aus dem Handwerk und benutzte vor allem in Schreiben an seine Mutter niederdeutsche Sätze, die jedoch meist als formelhafte Wendungen oder als humoreske Einsprengsel zu werten sind.

Nach der Kaffeepause übernahm Robert Langhanke die Moderation und stellte zunächst Klaas-Hinrich Ehlers vor. Der vorgestellte Referent berichtete aus einem Projekt zu sprachlichen Angleichungsprozessen Heimatvertriebener in Mecklenburg. Im Zentrum der Ausführungen stand die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen Vertreibung und Verlust des autochonen Herkunftsdialektes gibt.

Klaas-Hinrich Ehlers (Frankfurt/Oder):

Zur sprachlichen Akkulturation der Heimatvertriebenen in Mecklenburg. Ein Projektbericht

In den Jahren um 1945 strömten mehr als 12 Millionen Flüchtlinge und Heimatvertriebene aus den östlichen deutschen Sprachgebieten in westlichere Regionen. Die Durchmischung der dort ansässigen Bevölkerung mit einer derart hohen Zahl von ortsfremden Menschen wird gemeinhin als ein wichtiger Grund dafür angesehen, dass auf dem Gebiet der DDR und der BRD in der Nachkriegszeit die lokalen Dialekte stark geschwächt wurden. Gerade für Mecklenburg-Vorpommern erscheint diese Annahme auf den ersten Blick recht plausibel, denn hier stellten im ersten Jahrzehnt nach Kriegsende die sogenannten „Umsiedler“ in einigen Regionen sogar die Mehrheit der Bevölkerung dar.

Aktuelle Feldforschungen in Mecklenburg zeigen aber, dass viele der Heimatvertriebenen nach ihrer Ankunft noch im Jugendlichen- oder Erwachsenenalter Niederdeutsch gelernt haben. Neben dem Erwerb des Niederdeutschen haben sich die Vertriebenen und ihre Nachkommen zum Teil auch durch eine starke Anpassung an die mecklenburgische standardnahe Regionalsprache zu assimilieren versucht. Andererseits werden zum Teil auch heute noch in kleinsten Netzwerken die überkommenen Herkunftsdialekte gesprochen. Wir finden also auch in ländlichen mecklenburgischen Kommunikationsräumen zum Teil extrem vielstimmige Varietätenkonstellationen vor, deren allmähliche Verschiebungen in einem Forschungsvorhaben von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart nachgezeichnet werden sollen. Der Vortrag stellte die begonnene kontaktlinguistische Erhebung zur sprachlichen Akkulturation der Vertriebenen in Mecklenburg vor, bei der im Raum zwischen der Großstadt Rostock und der Kleinstadt Schwaan von Zeitzeugen der Nachkriegszeit subjektsprachliche und objektsprachliche Daten aufgezeichnet werden. Aus dieser laufenden Untersuchung wurde Arbeitshypothesen und erste Ergebnisse präsentiert.

Der darauf folgende Vortrag von Gerrit Appenzeller gab den Tagungsteilnehmern vor der Mittagspause einen Überblick über die Geschichte des Niedersächsischen Wörterbuchs und die Besonderheiten der Großlandschaftslexikographie und war somit eine erneute Hinführung zum Kolloquium. am Nachmittag

Gerrit Appenzeller (Göttingen):
Besonderheiten der Großlandschaftslexikographie am Beispiel des Niedersächsischen Wörterbuchs

Inwiefern unterscheiden sich Großlandschaftswörterbücher in ihrer Struktur und ihren Entstehungsbedingungen von anderen lexikographischen Produkten? Was sind Besonderheiten der diatopischen Lexikographie, und wo liegen dessen spezifische Schwierigkeiten bei der Bearbeitung? Was macht den besonderen Wert der Großlandschaftslexikographie aus?

Anhand der Geschichte des an der Universität Göttingen seit 1935 erarbeiteten Niedersächsischen Wörterbuchs wurde diesen und anderen Fragen im Vortrag exemplarisch nachgegangen. Ergänzt wurden die Ausführungen durch Vergleiche und Abgrenzungen zu anderen großlandschaftlichen Wörterbüchern, vor allem denjenigen des niederdeutschen Sprachraumes.

Die Spezifika der Wörterbucharbeit und seiner wissenschaftsgeschichtlichen Einordnung wurden anhand von lexikographieimmanenten und wissenschaftspolitischen Determinanten verdeutlicht.

Zu erster Kategorie gehören unter anderem die sprachliche Beschaffenheit des Bearbeitungsraumes und somit des vorliegenden Wortkorpus und die Folgen, die sich hieraus für die tagtägliche, praktische Wörterbucharbeit ergeben.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der der konzeptionellen Ausrichtung. Diese hat sich im Laufe der Zeit und der (fach-)wissenschaftlichen Entwicklungen mehrfach geändert und oft folgenreiche Spuren in den konkreten Wortartikeln hinterlassen. In diesem Zusammenhang ist die Ausgestaltung des Wörterbuchtextes mittels Wortkarten und Abbildungen zu erwähnen, aber auch, auf den ersten Blick weniger gut sichtbar, die erheblichen Kürzungen zugunsten einer Beschleunigung der Produktion.

Zu den wissenschaftspolitischen Determinanten zählen z.B. die Finanzierung solcher Langzeitforschungsprojekte und die sich hieraus ergebenden Abhängigkeiten und Folgen für die inhaltliche Ausrichtung der Wörterbücher. Mit der Finanzierung verbunden ist zudem die Frage nach der institutionellen Einbindung der Großlandschaftswörterbücher.

Thematisiert wurden ferner die meist in der Gründungszeit nach politischen Maßgaben erfolgte Abgrenzung des Bearbeitungsgebiets und die daraus resultierenden nicht unerheblichen Herausforderungen für die Wörterbuchbearbeitung. Von zentraler Bedeutung sind auch die (zeit-)geschichtlichen Rahmenbedingungen, haben diese doch den Verlauf der Wörterbucharbeit und die Frage nach der Finanzierung in nicht geringem Maße beeinflusst.

Nicht zuletzt war der Vortrag aber auch als Hinleitung zum und als Diskussionsanregung für das anschließende lexikographische Kolloquium zu sehen.

Nach der Mittagspause war eben dieses angesetzt und wurde von einer Posterpräsentation begleitet, die einen Überblick über die niederdeutschen lexikographischen Projekte gab und in der sich das Westfälische Wörterbuch, das Mittelelbische Wörterbuch, das Pommersche Wörterbuch, das Mittelniederdeutsche Handwörterbuch, das Niedersächsische Wörterbuch, das Plattdeutsch-Hochdeutsches Online-Wörterbuch für Ostfriesland und das Hamburgische Wörterbuch präsentierten.

Angekündigt war das Kolloquium unter dem folgenden Generalthema:

Kolloquium „Alternative Lexikographie“

Unter den auf den Jahrestagungen unseres Vereins organisierten Kolloquien stehen die den Wörterbüchern gewidmeten an vorderster Stelle. Das hat seinen Grund in der großen Rolle, welche die lexikographische Arbeit in den Sprachwissenschaften spielt, in Bezug auf standardisierte Sprachen wie auch in Bezug auf regionale Sprachformen.

Hieß es in Lübeck 1998 noch „Dialektlexikographisches Kolloquium“, wobei es vor allem um makrostrukturelle Fragen ging, aber auch schon um neue, die Wörterbuchpraxis verändernde technische Verfahren, so gab die schnelle technische Entwicklung im letzten Jahrzehnt Anlass, einmal alternative Wörterbuchverfahren in den Blick zu nehmen. Dabei geht es um die Möglichkeiten elektronischer Zugriffe auf gedruckte Wörterbücher, um Online-Wörterbücher sowie die Nutzung technischer Gegebenheiten in der Arbeit an historischen Wörterbüchern. Eine weitere sich in den letzten Jahren verstärkende alternative lexikographische Tendenz ist darin zusehen, dass mehr und mehr Handwörterbücher entstehen, die aus den Großlandschaftswörterbüchern abgeleitet worden sind.

Zu dieser im Vergleich zum herkömmlichen „Nachdenken über Wörterbücher“ und zur bewährten Kunst des Wörterbuchschreibens alternativen Lexikographie äußerten sich Robert Damme (Münster), Jürgen Meier (Hamburg), Claudine Moulin (Trier) und Jörg Peters (Oldenburg). Die einleitenden Vorträge der Podiumsteilnehmer werden an dieser Stelle kurz vorgestellt; sie sind in diesem Heft ab S. xxx vollständig abgedruckt.

Dieter Stellmacher führte in das Kolloquium ein und stellte den Anwesenden die Referenten vor.
Zunächst informierte Jürgen Meier über das Kleine Hamburgische Wörterbuch, das auf der Basis des Hamburgischen Wörterbuches entstanden ist und für das Zielpublikum der interessierten Laien modifiziert wurde. Die große Nachfrage nach der ersten Auflage zeige den Bedarf beim Zielpublikum. Mittlerweile würde diesem auf wissenschaftlicher Grundlage stehenden Wörterbuch jedoch Konkurrenz durch eine Veröffentlichung einer großen Hamburger Tageszeitung gemacht. In seinem Beitrag sprach Meier auch die Frage an, inwieweit für andere Regionen Handwörterbucher auf Basis der großlandschaftlichen Wörterbücher erstellbar seien, und stufte dieses aufgrund der dialektalen Vielfalt der Großregionen als problematisch ein.

Claudine Moulin und Vera Hildenbrandt berichteten über das Wörterbuchnetz des Kompetenzzentrums der Universität Trier und erläuterten seine Funktionen. Sie betonten hierbei vor allem die Ausbaufähigkeit des Projektes, das Vernetzungspotential mit anderen Wörterbüchern sowie die Vernetzung mit Quellentexten. Sie äußerten auch den Wunsch, lexikographische Werke des norddeutschen Raumes in das Netz aufzunehmen.

Mit dem Vocabularius Theutonicus des Johannes Egbert brachte Robert Damme eine historische Komponente in das Kolloquium. Er erläutere die Grundsätze seiner Edition dieses mittelniederdeutschen Wörterbuches und berichtete zudem über die in Arbeit befindliche digitale Fassung der Edition und ihre Möglichkeiten.

Die Möglichkeiten der neuen Medien nutzt auch das Plattdeutsch-Hochdeutsche Online Wörterbuch für Ostfriesland, das Jörg Peters als Vertreter der Universität Oldenburg wissenschaftlich betreut. Initiiert wurde dieses Projekt von der Ostfriesischen Landschaft.

Dieses zweisprachige Online-Wörterbuch soll der Erfassung des aktuellen niederdeutschen Gebrauchswortschatzes Ostfrieslands dienen und nimmt einen Platz zwischen wissenschaftlichen Wörterbüchern und Laienwörterbüchern ein. Der intendierte Benutzerkreis umfasst dabei nicht nur interessierte Laien, sondern auch den Bereich der Medien und Bildungseinrichtungen. Einen besonderen Vorteil der Online-Fassung sieht Jörg Peters in den ständigen Erweiterungsmöglichkeiten.

Den Expertenbeiträgen folgte eine angeregte Diskussion unter den Tagungsteilnehmern, in der sich, wie Dieter Stellmacher abschließend kurz zusammenfasste, vor allem zwei Stränge abzeichneten. Zum einen wurde immer wieder der Einfluss der neuen Technologien genannt, die vor allem den Umgang mit den Wörterbüchern erleichtern können und, was das Wörterbuchnetz zeigt, die Möglichkeiten bieten, verschiedene große Vorhaben miteinander zu verbinden. Es blieb jedoch als Frage offen, ob und inwieweit die Mittel der modernen Datenverarbeitung auch immer eine Erleichterung für den heutigen Lexikographen darstellen, vor allem wenn er mit Daten älterer Erhebungen in Zettelform arbeiten muss .

Zum Anderen wurde vor allem über das Verhältnis von Produzenten und Rezipienten, Wissenschaftler und Laien, und über die zwischen wissenschaftlichen Ansprüchen und Bedarf der Laien schwankende Zielsetzung diskutiert: Was macht vor diesem Hintergrund ein wissenschaftliches Wörterbuch aus? Ist es von Wissenschaftlern ausschließlich für andere Wissenschaftler verfasst? Welche Rolle spielen die von Laien für Laien erstellten Wörterbücher für die dialektale Lexikographie, und wie lässt sich die Problematik der auf den großlandschaftlichen Wörterbuchern basierenden Handwörterbücher lösen? Diese teils noch offenen Fragen bieten sicherlich auch weiterhin genügend Anknüpfungspunkte für weitere Überlegungen und Diskussionen zur Zukunft der „Alternativen Lexikographie“.

Das Kolloquium schloss den wissenschaftlichen Teil der Tagung ab. Am Abend hatten die noch in Göttingen verbliebenen Teilnehmer die Möglichkeit, Judith Zander und ihren in dem Vortrag von Frau Scheuermann analysierten Roman in einer Lesung der Autorin im Literarischen Zentrum zu erleben. Die junge Autorin las zwei längere Passagen aus ihrem Werk, die einen Eindruck von der sprachlichen Stimmenvielfalt ihres Romans vermittelten. Leider nahmen nur recht wenige Teilnehmer diese Gelegenheit wahr, ebenso wie das abschließende Angebot, sich der Exkursion nach Corvey anzuschließen. Das ehemalige Kloster Corvey ist heute ein Schloss im Privatbesitz, das aber besichtigt werden kann. Die ehemalige Klosteranlage, die barocke Kirche und die große Bibliothek mit dem Arbeitsräumen Hoffmanns von Fallersleben, der hier als Bibliothekar tätig war, boten ein eindrucksvolles Ensemble. Als kleinen Höhepunkt seiner Führung durch die Räume ließ der Cicerone im Westwerk, dem ältesten Teil der Gebäude, einen gregorianischen Gesang erklingen. Einen zweifachen Eindruck von dem landschaftlichen Reiz des Göttinger Umlandes vermittelten die Hinfahrt durch den vormittelgebirgigen, waldreichen Solling und die Rückfahrt am Nachmittag, die immer wieder den Blick auf die Weser und das Weserbergland freigab.

Paderborn Nadine Wallmeier
1www.handschriftencensus.de/23637.

 

 

 

 

Carl-Toepfer-Stiftung

Lichtwarksaal

Andreas Bieberstedt (Rostock) / Jürgen Ruge (Hamburg): Hamburgisch heute: Dialektgebrauch und Dialektwandel im städtischen Raum

Der Vortrag thematisierte Aspekte des Dialektgebrauchs und Dialektwandels in Ham­burg, die Gegenstand des aktuellen Forschungsprojektes „Hamburgisch – Sprach­gebrauch und Sprachvariation im städtischen Raum“ sind. In diesem Projekt wird vertikale Sprachvariation unter den Bedingungen hochdeutsch-niederdeutscher Mehrsprachigkeit im urbanen Umfeld analysiert, mit dem Ziel, rezente Entwicklungsprozesse lokaler Hamburger Dialektvarianten sowie allgemein des Niederdeutschen sichtbar zu machen. In den Blick genommen werden mit den Hamburger Stadtteilen Kirchwerder und Altenwerder zwei Bereiche der städtischen Peripherie mit stark divergentem Urbanisierungsgrad und -charakter. Das Erhebungsgebiet Kirchwerder steht hierbei exemplarisch für randlagige Stadtgebiete mit niedrigem Urbanisierungsgrad und relativ stabiler Sprechergemeinschaft, in denen das Niederdeutsche auch gegenwärtig noch in der Alltagskommunikation verwendet wird. Dagegen durchlief der im heutigen Hafengebiet Hamburgs liegende Stadtteil Altenwerder in den vergangenen 30 Jahren einen grundlegenden Strukturwandel, in dessem Zuge die traditionelle Sprechergemeinschaft aufgelöst wurde. Zum Zeitpunkt der aktuellen Datenerhebung lebten die Sprecher in räumlicher Nähe zum Containerterminal, das auf der ehemaligen Elbinsel entstand.

 

In dem Vortrag wurden anhand von Fallbeispielen ausgewählte Ergebnisse aus den Teilprojekten Kirchwerder und Altenwerder präsentiert, die den rezenten Dialekt­wandel im Hamburger Raum unter divergenten sozioökonomischen Bedingungen exemplarisch aufzeigen sollten. Anhand von Vergleichen älterer Aufnahmen mit projektintern erhobenen Daten wurden jeweils unterschiedliche Aspekte sprachlichen Wandels sichtbar gemacht. Für das Teilprojekt Altenwerder wurden niederdeutsch basierte Sprachlagen von Sprechern aus drei Generationen einer Familie (Großeltern-, Eltern- Kindgeneration) betrachtet. Eine vergleichende Analyse dieser Aufnahmen ermöglichte die Beschreibung individueller Sprachveränderungen. Aus dem Teilprojekt Kirchwerder wurden die Ergebnisse eines Vergleichs von Tonaufnahmen aus dem Jahre 1957 (Otto von Essen) mit aktuellen Aufnahmen von Sprechern der mittleren und jüngeren Generation vorgestellt. Eine Zusammenschau der Ergebnisse zeigte Unterschiede und Gemeinsamkeiten im lokalen Dialektwandel auf. Gemeinsame methodische Basis hierfür bildete ein projektübergreifend entwickeltes metrisches Dialektalitätsmessverfahren, das phonetisch-phonologische Differenzen sprach­licher Äußerungen erfasst und auf die spezifischen Ortsdialekte von Altenwerder und Kirchwerder abgestimmt ist.

Nach einer kurzen Kaffeepause beleuchtete der Medienwissenschaftler Dr. Hans-Ulrich Wagner die Situation des Niederdeutschen in der Früh­phase des Rundfunks und präsentierte dabei auch die interessante Arbeit der Hamburger Forschungsstelle „Geschichte des Rundfunks in Norddeutschland“:

Hans-Ulrich Wagner (Hamburg): „Das Gebiet unserer Sendegemeinschaft ist Niederdeutschland“. Der Rundfunk und seine niederdeutsche Programmarbeit in den 1920er und 1930er Jahren

Der Vortrag bezog sich auf zwei Projekte, die an der Forschungsstelle Geschichte des Rundfunks in Norddeutschland durchgeführt werden – eine Programm­geschich­te der Norag, der Nordischen Rundfunk AG, in den Jahren 1924 bis 1933 sowie eine Untersuchung des literarischen Programmangebots des Reichssenders Hamburg von 1933 bis 1940. Auf diesen Recherchen aufbauend stellte der Vortrag die niederdeutsche Programmarbeit der Norag vor. Führende Norag-Vertreter wie Kurt Stapelfeldt, Hans Bodenstedt und Hans Böttcher bauten bis zum Ende der Weimarer Republik die für das „niederdeutschen Sendegebiet“ zuständige Sendegesellschaft in Hamburg zu einem Zentrum der Heimat- und Volkstums-Bewegung aus. Doch auch der seit 1933 von den Nationalsozialisten kontrollierte Rundfunksender in der Hamburger Rothenbaumchaussee verschrieb sich neben einer nationalen Zielsetzung weiterhin einer regionalen Aufgabe, so dass das Spannungsverhältnis von „Landschaftsarbeit“ und „Bildung einer Volksgemeinschaft“ beleuchtet und die Frage nach Kontinuitäten und Diskontinuitäten gestellt werden kann.

Im Rahmen des Vortrags wurden darüber hinaus die Materialgrundlagen der beiden Projekte vorgestellt, insofern sie auch für andere Fragestellungen der niederdeutschen Sprachforschung von Interesse sein könnten. Methodische Reflexionen zur Rolle des Mediums Rundfunk für die Konstruktion von Kulturräumen bzw. Kommunikationsräumen, wie sie gegenwärtig sehr intensiv in der regionalgeschichtlichen Forschung sowie in den cultural studies geführt werden, wurden zur Diskussion gestellt.

Dr. Steffen Höder führte mit seinem Vortrag zurück in die Sprache der Gegenwart. Aus kognitiver Perspektive näherte er sich dem Niederdeut­schen und der norddeutschen Umgangssprache und fragte nach der Entwicklung diasystemischer Verbindungen:

Steffen Höder (Hamburg): Niederdeutsch und Norddeutsch – ein Fall von Diasystematisierung

Sprachen im Kontakt werden immer noch primär als Codes betrachtet, die zwar miteinander interagieren, aber dennoch in sich geschlossene Systeme darstellen. Am niederdeutsch-hochdeutschen Kontakt lässt sich jedoch zeigen, dass diese Per­spektive zu kurz greift. Sinnvoll ist hier ein Modell, das Sprachkontakt und Mehrsprachigkeit bereits auf den Ebenen der individuellen Sprachkompetenz und des grammatischen Systems mit einbezieht. Dabei muss berücksichtigt werden, dass auch die kognitive Verarbeitung von Sprache bei Mehrsprachigen und Einsprachigen unterschiedlich funktioniert.

Im Mittelpunkt des Vortrags stand die These, dass Mehrsprachige in Norddeutsch­land beide Sprachen immer weniger als getrennte Codes behandeln. Stattdessen stellen sie zunehmend systematische Beziehungen zwischen den lexikalischen und grammatischen Strukturen in beiden Sprachen her. Dadurch integrieren sie zugleich niederdeutsche und hochdeutsche Varietäten stärker in ein ausgedehntes Netzwerk aus diasystematischen Verknüpfungen. Dieser Prozess hat Folgen für die Art der Sprachproduktion und -rezeption, wirkt sich aber auch direkt im Sprachwandel in norddeutschen Varietäten aus: Elemente, die sich in ein solches Diasystem leichter einfügen lassen, werden präferiert; idiosynkratische Elemente dagegen kommen zunehmend außer Gebrauch. Diese strukturellen Veränderungen stehen auch in Relation zur kommunikativen Funktion des Niederdeutschen, die ebenfalls im Wandel begriffen ist.

Die konkreten Resultate der Diasystematisierung lassen sich an der Entstehung des heutigen norddeutschen Hochdeutsch ebenso wie an rezenten Sprachwandel­erscheinungen im Niederdeutschen festmachen. In beiden Fällen laufen wesentliche Veränderungen darauf hinaus, dass die Etablierung eines übergreifenden Systems erleichtert wird. Dies wurde anhand von Beispielen auf der lexikalischen, der syntaktischen, der morphologischen und der lautlichen Ebene diskutiert.

Der Dienstagvormittag schloss traditionell mit der Mitgliederversammlung des Vereins (das Protokoll wird in Heft 1/2011 abgedruckt). Beim Mittagessen in den umliegenden Lokalen konnten viele Diskussionen und Gespräche weitergeführt werden, bevor sich am Nachmittag die Gelegenheit bot, Hamburg in geführten Stadtrundgängen weiter zu erforschen. Je nach Wunsch konnte man sich durch das ehemalige jüdische Viertel und den heutigen Universitätsstandort führen lassen, die neuesten städtebaulichen Entwicklungen rund um Speicherstadt und Hafencity erkunden oder sich in plattdeutscher Sprache über Michel, Landungsbrücken, Elbtunnel und Speicherstadt informieren lassen. Der Einladung des Senats der Stadt Hamburg folgend versammelten sich die Vereinsmitglieder abends zum Empfang im historistischen Rathaus. Mit seiner launigen auf Plattdeutsch vorgetragenen Rede bewies Staatsrat Bernd Reinert nicht nur überzeugende Niederdeutschkenntnisse, sondern wünschte der Tagung gute Erträge und den Teilnehmern eine schöne Zeit in der Hansestadt. Oliver Huck – Prodekan für Forschung an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Hamburg – überbrachte Grußworte der Universität.

Die Vorträge des Mittwochs hatten allesamt eine historische Ausrich­tung und behandelten das Mittelniederdeutsche in verschiedenen Regionen und Textsorten. Den Anfang machte die aus Finnland angereiste Dr. Maikki Soro-Ruhanen, die eine Briefsammlung aus der Hansezeit vorstellte und die Anwendbarkeit der Textsortenbezeichnung des Handelsbriefs auf ihr Korpus diskutierte:

Maikki Soro-Ruhanen (Tampere): Zu strukturellen und stilistischen Merkmalen der hanseatischen Handelsbriefe, am Beispiel der Briefsammlung des finnischen Erzdiakons Pawel Scheel

In der Hansezeit wurde das Mittelniederdeutsche im gesamten Ostseeraum, so auch in den finnischen Städten, als Verkehrssprache benutzt. Besonders in Åbo (Turku) und Wiburg (Viipuri) war das Mnd. neben dem Schwedischen eine wichtige Amts- und Handelssprache. Obwohl die finnischen Städte nicht zum Hansebund gehörten, waren ihre einflussreichsten Bürger im Spätmittelalter deutscher Herkunft. Die er­hal­tenen mnd. Dokumente bilden somit eine sehr wertvolle Quelle für die finnische Mittelalterforschung. Nicht nur in inhaltlicher, sondern auch in sprachlicher Hinsicht stellen diese Texte ein fruchtbares Untersuchungsobjekt dar.

Die finnischen mittelalterlichen Quellensammlungen sind insgesamt spärlich und fragmentarisch. Verhältnismäßig umfassend ist jedoch die Briefsammlung von Pawel Scheel, Erzdiakon des Bistums Åbo zu Anfang des 16. Jahrhunderts. Die Sammlung umfasst u.a. etwa 70 auf Mnd. verfasste Briefe, von denen die meisten von Kaufleuten aus Lübeck, Danzig, Reval und Stockholm an Scheel gerichtet wur­den. Aus den genannten Städten importierte Scheel u.a. Salz, Textilien, Wein und Kupfer in erster Linie für den Bedarf des Klerus. Er selbst wiederum führte vor allem Butter, Fisch und Pelze aus, die das Bistum und die Domkirche als Steuer erhoben hatten.

Obwohl die Dokumente der Scheelschen Sammlung bereits seit langem Gegenstand historischer Untersuchungen bilden, sind vor allem die auf Mnd. geschrie­benen Briefe bisher noch kaum aus linguistischer Sicht analysiert worden. In ihrem Vortrag besprach die Referentin die strukturellen und kommunikativ-stilistischen Merkmale dieser Briefe und erörterte dabei die Frage, ob sich die im Titel benutzte Textsortenbezeichnung „Handelsbrief“, die zunächst auf der hauptsächlichen Textfunktion der zu besprechenden Briefe beruht, auch durch die strukturellen und stilistischen Eigenschaften der Texte begründen lässt.

Quellensammlungen:
Paul Scheels Briefsammlung in der Universitätsbibliothek Helsinki. Finlands medeltidsurkunder V-VIII. Utg. genom Reinhold Hausen. Helsingfors 1928-1935. Zugänglich auf der Internetseite: http://193.184.161.234/DF/index.htm.

In den slawischen Raum führte der Vortrag von Prof. Dr. Igors Koš­kins, der aus Riga nach Hamburg gekommen war, um über mittelniederdeutsch-slawische Sprachkontaktphänomene zu sprechen, die er in zahlreichen spätmittelalterlichen Urkunden nachweisen konnte:

Igors Koškins: Niederdeutsch-slawische Interferenzen in Urkunden Nordwestrusslands und Altlivlands

Der Beitrag diskutierte die Forschungsergebnisse zum deutsch-russischen Sprach­kontakt, der sich in den Urkundentexten Nordwestrusslands (Novgorod, Pskov, Smolensk, Polock, Vitebsk) und Altlivlands niederschlägt. Obwohl die niederdeutsch-slawischen Interferenzen schon längst Gegenstand sprachhistorischer Betrachtung gewesen sind, stellt dieser Themenbereich immer noch einen zu wenig erforschten Problemkreis dar, insbesondere aus slawistischer Sicht. Im Beitrag wurden die Untersuchungsergebnisse zusammengefasst und einige Desiderate thematisiert.

Mittelniederdeutsch fungierte im Baltikum bekanntlich als Lingua franca, so dass mit dem Mittelniederdeutschen und dem Altrussischen (in seinen regionalen Varietäten) zwei Verkehrssprachen nebeneinander existierten, die sich gegenseitig beeinflussten (v. a. Fernentlehnungen). Dieser Sprachkontakt war meist auf die schriftliche Kommunikationssphäre beschränkt und hat in hohem Maße Einfluss auf die Urkundensprache ausgeübt. Beide Sprachen waren überregional: die altrus­si­schen Urkunden stammten nicht nur aus den Stadt- und Fürstenkanzleien Nordwestrusslands, sondern auch aus den livländischen Stadtkanzleien. Aus Riga stammten z. B. die Urkunden und Klagebriefe, die in altrussischer Sprache verfasst waren, wie z. B. die Urkunde vom Rigaer Erzbischof an den Smolensker Fürsten (1287), die Urkunde vom Rigaer Rat an den Vitebsker Fürsten (1300) und die Rigaer Waageordnung für Riga und Polock (1338). Auch die mittelniederdeutschen Urkunden entstanden nicht nur an den livländischen Kanzleien: Sie wurden auch in den Städten Nordwestrusslands ausgefertigt wie z. B. der aus der Kanzlei des Großfürsten Litauens Vitovt stammende Entwurf der Vertragsurkunde zwischen Polock und dem Livländischen Orden, Riga und den deutschen Kaufleuten (1406).

Im Beitrag wurde vorwiegend das Problem der Rezeption des Mittelniederdeutschen als offizieller Verkehrssprache Altlivlands in der altrussischen Urkundensprache betrachtet, wobei neues Forschungsmaterial herangezogen und neue Forschungsaspekte hervorgehoben wurden. Hierher gehörten einige traditionelle Wendungen, die als Sprachformeln aufzufassen sind und die die deutsch-russischen Urkunden sprachlich markieren. Es wurde vom Referenten angenommen, dass sich die Form und die Semantik mancher Sprachformeln unter dem Einfluss des deutsch-altrussischen Sprachkontakts entwickelt hätten. Dabei konnten manche Sprachformeln auch als deutsche Entlehnungen aufgefasst werden.

Als Interferenzprodukte wurden kurz die anderen Spracherscheinungen in den deutsch-russischen Urkundentexten behandelt wie z. B. die Lehnbedeutungen der Rechtswörter und der Gebrauch einiger Ämterbezeichnungen. Zur Problematik der Rezeption des Mittelniederdeutschen in der altrussischen Urkundensprache gehört auch die Frage nach der Abgrenzung früherer germanischer, insbesondere nord­germanischer Interferenzen von denjenigen, die im Laufe des niederdeutsch-alt­rus­sischen Sprachkontakts entstanden sein könnten.

Der mittelniederdeutschen Rechtssprache widmete sich Dr. Maik Lehm­berg bei der Vorstellung des umfangreichen Editionsprojektes des Gos­larer Stadtrechts. Ausführlich und informativ präsentierte er seine Über­legungen hinsichtlich der Transkriptionsrichtlinen, der textnahen Über­setzung und der Kommentierung schwieriger Stellen des Handschriftentextes:

Maik Lehmberg (Göttingen): Edition und Sprache einer Handschrift des Goslarer Stadtrechts von ca. 1350

Um 1310 ließ der Rat der Freien Reichsstadt Goslar erstmals die Privilegien und Rechtsbestimmungen der Stadt zusammentragen und schriftlich niederlegen. Poli­ti­sche Veränderungen führten in der Folgezeit zu einer Anpassung einiger rechtlicher Bestimmungen und deshalb bis spätestens 1350 zu einer Überarbeitung des Stadtrechtes zur „jüngeren Redaktion“.

Bereits recht früh fand das Stadtrecht Goslars das Interesse der (rechts-)ge­schichtlichen Forschung. Publiziert wurde dieses Stadtrecht erstmals im Jahre 1711, als Gottfried Wilhelm Leibniz den in der Wolfenbütteler Herzog-August-Bibliothek aufbewahrten Codex herausgab. Wenn auch weitere – mit unterschiedlicher Ziel­setzung erarbeitete – Ausgaben folgten, blieb der Text in der Folgezeit, besonders in der interessierten Öffentlichkeit aber dennoch weitgehend unbeachtet. Ursächlich dafür dürften, namentlich für die jüngere Vergangenheit, nicht zuletzt die weithin fehlenden Sprachkenntnisse im Bereich des Mittelniederdeutschen sein.

Aus diesem Grunde regte der Geschichtsverein Goslar eine Neu-Edition an, die unter anderem zum Ziel hat, der interessierten Öffentlichkeit das Goslarer Stadt­recht zugänglich zu machen. Wichtiger Bestandteil einer entsprechenden Ausgabe ist eine neuhochdeutsche Übersetzung, die den Zugang zum Text erleichtert.

Hinsichtlich seines Umfanges nimmt das Goslarer Stadtrecht mit rund 400 Sei­ten eine gewisse Sonderstellung ein, was die Möglichkeit eines (qualitativ hochwertigen) Faksimiles einer gesamten Handschrift aus finanziellen Gründen ausschließt. Geplant ist deshalb neben der (wo erforderlich auch zu kommentierenden) neuhochdeutschen Übersetzung eine diplomatische Wiedergabe des Textes der Handschrift. Vervollständigt wird die Edition durch ein rechtshistorisches Glossar und mehrere Aufsätze, etwa zur Einordnung der Handschrift und ihres Inhaltes in den zeitlichen Rahmen ihrer Entstehung.

Der Vortrag stellte das Vorhaben der Edition der zur jüngeren Redaktion gehörenden „Handschrift des Rates“ des Goslarer Stadtrechtes vor. Im Vordergrund standen die angewandten Kriterien der Transkription sowie insbesondere exem­plarische Probleme der Erarbeitung einer sachgerechten Übersetzung. Besonderes Augenmerk galt dabei der mittelniederdeutschen Sprache der fraglichen Texte als Fachsprache des Rechtswesens um die Mitte des 14. Jahrhunderts.

Nach der Mittagspause machte der Vortrag von Prof. Dr. Catherine Squires aus Moskau auf einen handschriftlichen Neufund mit überliefe­rungsgeschichtlicher Bedeutung aufmerksam. Die Referentin gab Einblick in ihre Untersuchungen einer Schrift der Mystikerin Mechthild von Magdeburg:

Catherine Squires (Moskau): Mechthild von Magdeburg: Ein handschriftlicher Neufund aus dem elbostfälischen Sprachraum

Das „Fließende Licht der Gottheit“ von Mechthild von Magdeburg ist bekanntlich in einer sehr lückenhaften Überlieferung zugänglich. Die Textzeugen des Werks der 1282 verstorbenen Mechthild gehören in die Zeit ab Mitte des 14. Jh. Die deutschen „FL“-Hss sind alemannisch, bairisch(-österreichisch), west- und ostschwäbisch, oberrheinisch und rheinfränkisch (Vollmann-Profe). Die elbostfälische sprachliche Herkunft Mechthilds kam in der bisher bekannten Überlieferung nicht zur Geltung. Das 2008 identifizierte Bruchstück aus Moskau bietet neue Aussichten für die Textkritik des „FL“, für die regionale Sprachforschung und die frauenmystische Rezeptionsgeschichte.

Die in der Moskauer Universität befindliche „Dokumentensammlung Gustav Schmidt“ beinhaltet Schriftstücke und Druckfragmente aus dem 9.–16. Jh., die ursprünglich aus dem Halberstädter Domgymnasium stammen. In dem 1997–2004 erforschten Bestand sind neben wiederentdeckten Kriegsverlusten zahlreiche Neufun­de verzeichnet (s. Katalog in: Squires/Ganina 2008). Eine Reihe von Handschriften, Urkunden und Drucken der Sammlung sind niederdeutsch.

Die Datierung der Moskauer Hs ins Ende des 13. Jh. und ihre Herkunft aus dem zu Mechthilds Heimat und Lebensraum nahen und niederdeutschsprachigen Halberstadt verleihen dem Fund einen besonderen Platz und eine hohe stemmatische Stellung in der Mechthild-Überlieferung. Auf eine höhere Einordnung deuten Textunterschiede, die das Fragment auszeichnen. Das Moskauer Fragment hat den ursprünglichen Mechthild-Reim erhalten, der frühere Konjekturen bestätigt. Aus der Feder der Mystikerin dürften manche genaueren Assonanzen des Fragments stammen. Zu erwarten sind folglich ein dem Original nahestehender Wortlaut und Dialekt. Ein Vergleich mit anderen Hss weist eine bessere Bewahrung von niederdeutschen Zügen auf, die in der Phonetik, Grammatik und Lexik des Fragments zu finden sind. Der gesamte Charakter ist mittelniederdeutsch-mitteldeutsch, was der Erwartung der Forschung (Neumann) entspricht. Die mundartliche Form des Fragments stimmt mit dem sprachlichen Profil Halberstadts überein: einer Übersicht der erhaltenen Bestände und ihren Beschreibungen aus der Vorkriegszeit ist zu entnehmen, dass der mittelalterliche Sprachgebrauch gebildeter Schichten durch ein Nebeneinander von mittelniederdeutschen und mitteldeutschen Formen gekennzeichnet ist.

Der Fund schließt eine überlieferungsgeschichtlich bedeutungsvolle Lücke, indem er die Rezeption von Mechthilds Werk im elbostfälischen Raum belegt, und beweist, dass eine Verbreitung des „Fließenden Lichts“ unmittelbar nach seiner Abfassung zeitgleich zu den ältesten (nicht vorhandenen) lateinischen Abschriften stattfand.

Die Textgattung des Totentanzes wurde den Anwesenden durch Dr. Almut Breitenbach näher gebracht. In ihrem abschließenden Vortrag be­fasste sie sich mit dem Berliner Totentanz und den Kontexten seiner Entstehung in der Stadt:

Almut Breitenbach: Der Berliner Totentanz – literarische, bildkünstlerische und historische Kontexte

Das spätmittelalterliche Totentanzwandgemälde in der Turmhalle der Berliner Marienkirche wurde von der Forschung lange als kompositorisch und künstlerisch minderwertig eingeschätzt. Erst in den letzten Jahren rückten einige Arbeiten seine Besonderheiten im Vergleich zur übrigen Totentanztradition ins Licht. Hier wäre etwa sein einzigartiger Aufbau mit einem Kreuzigungsbild in der Mitte der in Kleriker und Laien aufgeteilten Ständereihe zu nennen, ebenso seine durch die ungewöhnliche Anbringung im Raum erzeugten Wirkungsmöglichkeiten auf die Betrachter. Unbekannt ist jedoch der konkrete Entstehungshintergrund des Berliner Wandgemäldes, da hierzu keine Quellen erhalten sind und das Gemälde selbst inzwischen in einem so schlechten Erhaltungszustand ist, dass sein Aussagewert in dieser Hinsicht nur mehr gering ist. Die Referentin stellte die Frage, wie dieser Totentanz trotz der Abwesenheit konkreter Anhaltspunkte für seine Ent­ste­hungs­zusammenhänge historisch angemessen interpretiert werden könne. In ihrem Beitrag versuchte sie, dies durch eine „dreidimensionale“ Kontextualisierung des Wandgemäldes zu erreichen. Ziel war dabei, Hinweise auf mögliche zeitgenössische Wahrnehmungsweisen zu gewinnen: Zum einen wurde die Marienkirche und ihre Bedeutung für die städtische Gesellschaft im späten 15. Jahrhundert als unmittelbarer historischer Kontext des textierten Bildes in den Blick genommen. Zum andern wurde die spätmittelalterliche Erbauungsliteratur insbesondere zu Tod und Sterben auf mögliche Rezeptionsweisen eines solchen Werkes befragt. Zuletzt wurden vergleichbare Bildwerke einbezogen ebenso wie die – bedauerlicherweise wenigen – Reste der mittelalterlichen Ausstattung der Marienkirche.

Nach Abschluss der wissenschaftlichen Vorträge konnten die Tagungs­organisatoren auch in diesem Jahr das Rahmenprogramm durch eine Abendveranstaltung ergänzen. So war es den Tagungsteilnehmern möglich, sich erneut im Lichtwark-Saal einzufinden, um dort am 86. Plattdeutschen Abend der Carl-Toepfer-Stiftung teilzunehmen. Lebhaft und kurzweilig führte Cornelia Nenz vom Fritz-Reuter-Literaturmuseum Stavenhagen unter dem Titel „Fritz Reuter zum 200. Geburtstag“ in Leben und Werk des Autors ein und schloss mit einer Lesung aus seinem Œuvre.

Wie jedes Jahr beschloss eine Exkursion die Tagung. Am Donnerstag bereisten die noch nicht in die Heimat zurückgekehrten Tagungsteilnehmer das Hamburger Umland und erfuhren viel Wissenswertes über die süd­öst­lich gelegenen Stadtteile. Nach einem Rundgang durch die historische Altstadt Bergedorfs wurde das dortige Schloss besichtigt. Das in seinen Räumen befindliche Museum führte in die Kulturgeschichte der Vierlande ein. Prägt heute die traditionelle Landwirtschaft das Erscheinungsbild der Gegend, war und ist sie überregional vor allem durch ihre Intarsienarbeiten bekannt. Das Mittagessen wurde direkt an der Elbe im Zollenspieker Fährhaus eingenommen, dessen Geschichte in einem Kurzvortrag erläutert wur­de. Am Ende des Ausflugs stand die Besichtigung der St. Nicolai-Kir­che in Altengamme mit ihrer besonders sehenswerten Innenausstattung. Bielefeld, Kirsten Menke-Schnellbächer / Paderborn, Nadine Wallmeier