Der Vortrag thematisierte Aspekte des Dialektgebrauchs und Dialektwandels in Hamburg, die Gegenstand des aktuellen Forschungsprojektes „Hamburgisch – Sprachgebrauch und Sprachvariation im städtischen Raum“ sind. In diesem Projekt wird vertikale Sprachvariation unter den Bedingungen hochdeutsch-niederdeutscher Mehrsprachigkeit im urbanen Umfeld analysiert, mit dem Ziel, rezente Entwicklungsprozesse lokaler Hamburger Dialektvarianten sowie allgemein des Niederdeutschen sichtbar zu machen. In den Blick genommen werden mit den Hamburger Stadtteilen Kirchwerder und Altenwerder zwei Bereiche der städtischen Peripherie mit stark divergentem Urbanisierungsgrad und -charakter. Das Erhebungsgebiet Kirchwerder steht hierbei exemplarisch für randlagige Stadtgebiete mit niedrigem Urbanisierungsgrad und relativ stabiler Sprechergemeinschaft, in denen das Niederdeutsche auch gegenwärtig noch in der Alltagskommunikation verwendet wird. Dagegen durchlief der im heutigen Hafengebiet Hamburgs liegende Stadtteil Altenwerder in den vergangenen 30 Jahren einen grundlegenden Strukturwandel, in dessem Zuge die traditionelle Sprechergemeinschaft aufgelöst wurde. Zum Zeitpunkt der aktuellen Datenerhebung lebten die Sprecher in räumlicher Nähe zum Containerterminal, das auf der ehemaligen Elbinsel entstand.
In dem Vortrag wurden anhand von Fallbeispielen ausgewählte Ergebnisse aus den Teilprojekten Kirchwerder und Altenwerder präsentiert, die den rezenten Dialektwandel im Hamburger Raum unter divergenten sozioökonomischen Bedingungen exemplarisch aufzeigen sollten. Anhand von Vergleichen älterer Aufnahmen mit projektintern erhobenen Daten wurden jeweils unterschiedliche Aspekte sprachlichen Wandels sichtbar gemacht. Für das Teilprojekt Altenwerder wurden niederdeutsch basierte Sprachlagen von Sprechern aus drei Generationen einer Familie (Großeltern-, Eltern- Kindgeneration) betrachtet. Eine vergleichende Analyse dieser Aufnahmen ermöglichte die Beschreibung individueller Sprachveränderungen. Aus dem Teilprojekt Kirchwerder wurden die Ergebnisse eines Vergleichs von Tonaufnahmen aus dem Jahre 1957 (Otto von Essen) mit aktuellen Aufnahmen von Sprechern der mittleren und jüngeren Generation vorgestellt. Eine Zusammenschau der Ergebnisse zeigte Unterschiede und Gemeinsamkeiten im lokalen Dialektwandel auf. Gemeinsame methodische Basis hierfür bildete ein projektübergreifend entwickeltes metrisches Dialektalitätsmessverfahren, das phonetisch-phonologische Differenzen sprachlicher Äußerungen erfasst und auf die spezifischen Ortsdialekte von Altenwerder und Kirchwerder abgestimmt ist.
Nach einer kurzen Kaffeepause beleuchtete der Medienwissenschaftler Dr. Hans-Ulrich Wagner die Situation des Niederdeutschen in der Frühphase des Rundfunks und präsentierte dabei auch die interessante Arbeit der Hamburger Forschungsstelle „Geschichte des Rundfunks in Norddeutschland“:
Hans-Ulrich Wagner (Hamburg): „Das Gebiet unserer Sendegemeinschaft ist Niederdeutschland“. Der Rundfunk und seine niederdeutsche Programmarbeit in den 1920er und 1930er Jahren
Der Vortrag bezog sich auf zwei Projekte, die an der Forschungsstelle Geschichte des Rundfunks in Norddeutschland durchgeführt werden – eine Programmgeschichte der Norag, der Nordischen Rundfunk AG, in den Jahren 1924 bis 1933 sowie eine Untersuchung des literarischen Programmangebots des Reichssenders Hamburg von 1933 bis 1940. Auf diesen Recherchen aufbauend stellte der Vortrag die niederdeutsche Programmarbeit der Norag vor. Führende Norag-Vertreter wie Kurt Stapelfeldt, Hans Bodenstedt und Hans Böttcher bauten bis zum Ende der Weimarer Republik die für das „niederdeutschen Sendegebiet“ zuständige Sendegesellschaft in Hamburg zu einem Zentrum der Heimat- und Volkstums-Bewegung aus. Doch auch der seit 1933 von den Nationalsozialisten kontrollierte Rundfunksender in der Hamburger Rothenbaumchaussee verschrieb sich neben einer nationalen Zielsetzung weiterhin einer regionalen Aufgabe, so dass das Spannungsverhältnis von „Landschaftsarbeit“ und „Bildung einer Volksgemeinschaft“ beleuchtet und die Frage nach Kontinuitäten und Diskontinuitäten gestellt werden kann.
Im Rahmen des Vortrags wurden darüber hinaus die Materialgrundlagen der beiden Projekte vorgestellt, insofern sie auch für andere Fragestellungen der niederdeutschen Sprachforschung von Interesse sein könnten. Methodische Reflexionen zur Rolle des Mediums Rundfunk für die Konstruktion von Kulturräumen bzw. Kommunikationsräumen, wie sie gegenwärtig sehr intensiv in der regionalgeschichtlichen Forschung sowie in den cultural studies geführt werden, wurden zur Diskussion gestellt.
Dr. Steffen Höder führte mit seinem Vortrag zurück in die Sprache der Gegenwart. Aus kognitiver Perspektive näherte er sich dem Niederdeutschen und der norddeutschen Umgangssprache und fragte nach der Entwicklung diasystemischer Verbindungen:
Steffen Höder (Hamburg): Niederdeutsch und Norddeutsch – ein Fall von Diasystematisierung
Sprachen im Kontakt werden immer noch primär als Codes betrachtet, die zwar miteinander interagieren, aber dennoch in sich geschlossene Systeme darstellen. Am niederdeutsch-hochdeutschen Kontakt lässt sich jedoch zeigen, dass diese Perspektive zu kurz greift. Sinnvoll ist hier ein Modell, das Sprachkontakt und Mehrsprachigkeit bereits auf den Ebenen der individuellen Sprachkompetenz und des grammatischen Systems mit einbezieht. Dabei muss berücksichtigt werden, dass auch die kognitive Verarbeitung von Sprache bei Mehrsprachigen und Einsprachigen unterschiedlich funktioniert.
Im Mittelpunkt des Vortrags stand die These, dass Mehrsprachige in Norddeutschland beide Sprachen immer weniger als getrennte Codes behandeln. Stattdessen stellen sie zunehmend systematische Beziehungen zwischen den lexikalischen und grammatischen Strukturen in beiden Sprachen her. Dadurch integrieren sie zugleich niederdeutsche und hochdeutsche Varietäten stärker in ein ausgedehntes Netzwerk aus diasystematischen Verknüpfungen. Dieser Prozess hat Folgen für die Art der Sprachproduktion und -rezeption, wirkt sich aber auch direkt im Sprachwandel in norddeutschen Varietäten aus: Elemente, die sich in ein solches Diasystem leichter einfügen lassen, werden präferiert; idiosynkratische Elemente dagegen kommen zunehmend außer Gebrauch. Diese strukturellen Veränderungen stehen auch in Relation zur kommunikativen Funktion des Niederdeutschen, die ebenfalls im Wandel begriffen ist.
Die konkreten Resultate der Diasystematisierung lassen sich an der Entstehung des heutigen norddeutschen Hochdeutsch ebenso wie an rezenten Sprachwandelerscheinungen im Niederdeutschen festmachen. In beiden Fällen laufen wesentliche Veränderungen darauf hinaus, dass die Etablierung eines übergreifenden Systems erleichtert wird. Dies wurde anhand von Beispielen auf der lexikalischen, der syntaktischen, der morphologischen und der lautlichen Ebene diskutiert.
Der Dienstagvormittag schloss traditionell mit der Mitgliederversammlung des Vereins (das Protokoll wird in Heft 1/2011 abgedruckt). Beim Mittagessen in den umliegenden Lokalen konnten viele Diskussionen und Gespräche weitergeführt werden, bevor sich am Nachmittag die Gelegenheit bot, Hamburg in geführten Stadtrundgängen weiter zu erforschen. Je nach Wunsch konnte man sich durch das ehemalige jüdische Viertel und den heutigen Universitätsstandort führen lassen, die neuesten städtebaulichen Entwicklungen rund um Speicherstadt und Hafencity erkunden oder sich in plattdeutscher Sprache über Michel, Landungsbrücken, Elbtunnel und Speicherstadt informieren lassen. Der Einladung des Senats der Stadt Hamburg folgend versammelten sich die Vereinsmitglieder abends zum Empfang im historistischen Rathaus. Mit seiner launigen auf Plattdeutsch vorgetragenen Rede bewies Staatsrat Bernd Reinert nicht nur überzeugende Niederdeutschkenntnisse, sondern wünschte der Tagung gute Erträge und den Teilnehmern eine schöne Zeit in der Hansestadt. Oliver Huck – Prodekan für Forschung an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Hamburg – überbrachte Grußworte der Universität.
Die Vorträge des Mittwochs hatten allesamt eine historische Ausrichtung und behandelten das Mittelniederdeutsche in verschiedenen Regionen und Textsorten. Den Anfang machte die aus Finnland angereiste Dr. Maikki Soro-Ruhanen, die eine Briefsammlung aus der Hansezeit vorstellte und die Anwendbarkeit der Textsortenbezeichnung des Handelsbriefs auf ihr Korpus diskutierte:
Maikki Soro-Ruhanen (Tampere): Zu strukturellen und stilistischen Merkmalen der hanseatischen Handelsbriefe, am Beispiel der Briefsammlung des finnischen Erzdiakons Pawel Scheel
In der Hansezeit wurde das Mittelniederdeutsche im gesamten Ostseeraum, so auch in den finnischen Städten, als Verkehrssprache benutzt. Besonders in Åbo (Turku) und Wiburg (Viipuri) war das Mnd. neben dem Schwedischen eine wichtige Amts- und Handelssprache. Obwohl die finnischen Städte nicht zum Hansebund gehörten, waren ihre einflussreichsten Bürger im Spätmittelalter deutscher Herkunft. Die erhaltenen mnd. Dokumente bilden somit eine sehr wertvolle Quelle für die finnische Mittelalterforschung. Nicht nur in inhaltlicher, sondern auch in sprachlicher Hinsicht stellen diese Texte ein fruchtbares Untersuchungsobjekt dar.
Die finnischen mittelalterlichen Quellensammlungen sind insgesamt spärlich und fragmentarisch. Verhältnismäßig umfassend ist jedoch die Briefsammlung von Pawel Scheel, Erzdiakon des Bistums Åbo zu Anfang des 16. Jahrhunderts. Die Sammlung umfasst u.a. etwa 70 auf Mnd. verfasste Briefe, von denen die meisten von Kaufleuten aus Lübeck, Danzig, Reval und Stockholm an Scheel gerichtet wurden. Aus den genannten Städten importierte Scheel u.a. Salz, Textilien, Wein und Kupfer in erster Linie für den Bedarf des Klerus. Er selbst wiederum führte vor allem Butter, Fisch und Pelze aus, die das Bistum und die Domkirche als Steuer erhoben hatten.
Obwohl die Dokumente der Scheelschen Sammlung bereits seit langem Gegenstand historischer Untersuchungen bilden, sind vor allem die auf Mnd. geschriebenen Briefe bisher noch kaum aus linguistischer Sicht analysiert worden. In ihrem Vortrag besprach die Referentin die strukturellen und kommunikativ-stilistischen Merkmale dieser Briefe und erörterte dabei die Frage, ob sich die im Titel benutzte Textsortenbezeichnung „Handelsbrief“, die zunächst auf der hauptsächlichen Textfunktion der zu besprechenden Briefe beruht, auch durch die strukturellen und stilistischen Eigenschaften der Texte begründen lässt.
Quellensammlungen:
Paul Scheels Briefsammlung in der Universitätsbibliothek Helsinki. Finlands medeltidsurkunder V-VIII. Utg. genom Reinhold Hausen. Helsingfors 1928-1935. Zugänglich auf der Internetseite: http://193.184.161.234/DF/index.htm.
In den slawischen Raum führte der Vortrag von Prof. Dr. Igors Koškins, der aus Riga nach Hamburg gekommen war, um über mittelniederdeutsch-slawische Sprachkontaktphänomene zu sprechen, die er in zahlreichen spätmittelalterlichen Urkunden nachweisen konnte:
Igors Koškins: Niederdeutsch-slawische Interferenzen in Urkunden Nordwestrusslands und Altlivlands
Der Beitrag diskutierte die Forschungsergebnisse zum deutsch-russischen Sprachkontakt, der sich in den Urkundentexten Nordwestrusslands (Novgorod, Pskov, Smolensk, Polock, Vitebsk) und Altlivlands niederschlägt. Obwohl die niederdeutsch-slawischen Interferenzen schon längst Gegenstand sprachhistorischer Betrachtung gewesen sind, stellt dieser Themenbereich immer noch einen zu wenig erforschten Problemkreis dar, insbesondere aus slawistischer Sicht. Im Beitrag wurden die Untersuchungsergebnisse zusammengefasst und einige Desiderate thematisiert.
Mittelniederdeutsch fungierte im Baltikum bekanntlich als Lingua franca, so dass mit dem Mittelniederdeutschen und dem Altrussischen (in seinen regionalen Varietäten) zwei Verkehrssprachen nebeneinander existierten, die sich gegenseitig beeinflussten (v. a. Fernentlehnungen). Dieser Sprachkontakt war meist auf die schriftliche Kommunikationssphäre beschränkt und hat in hohem Maße Einfluss auf die Urkundensprache ausgeübt. Beide Sprachen waren überregional: die altrussischen Urkunden stammten nicht nur aus den Stadt- und Fürstenkanzleien Nordwestrusslands, sondern auch aus den livländischen Stadtkanzleien. Aus Riga stammten z. B. die Urkunden und Klagebriefe, die in altrussischer Sprache verfasst waren, wie z. B. die Urkunde vom Rigaer Erzbischof an den Smolensker Fürsten (1287), die Urkunde vom Rigaer Rat an den Vitebsker Fürsten (1300) und die Rigaer Waageordnung für Riga und Polock (1338). Auch die mittelniederdeutschen Urkunden entstanden nicht nur an den livländischen Kanzleien: Sie wurden auch in den Städten Nordwestrusslands ausgefertigt wie z. B. der aus der Kanzlei des Großfürsten Litauens Vitovt stammende Entwurf der Vertragsurkunde zwischen Polock und dem Livländischen Orden, Riga und den deutschen Kaufleuten (1406).
Im Beitrag wurde vorwiegend das Problem der Rezeption des Mittelniederdeutschen als offizieller Verkehrssprache Altlivlands in der altrussischen Urkundensprache betrachtet, wobei neues Forschungsmaterial herangezogen und neue Forschungsaspekte hervorgehoben wurden. Hierher gehörten einige traditionelle Wendungen, die als Sprachformeln aufzufassen sind und die die deutsch-russischen Urkunden sprachlich markieren. Es wurde vom Referenten angenommen, dass sich die Form und die Semantik mancher Sprachformeln unter dem Einfluss des deutsch-altrussischen Sprachkontakts entwickelt hätten. Dabei konnten manche Sprachformeln auch als deutsche Entlehnungen aufgefasst werden.
Als Interferenzprodukte wurden kurz die anderen Spracherscheinungen in den deutsch-russischen Urkundentexten behandelt wie z. B. die Lehnbedeutungen der Rechtswörter und der Gebrauch einiger Ämterbezeichnungen. Zur Problematik der Rezeption des Mittelniederdeutschen in der altrussischen Urkundensprache gehört auch die Frage nach der Abgrenzung früherer germanischer, insbesondere nordgermanischer Interferenzen von denjenigen, die im Laufe des niederdeutsch-altrussischen Sprachkontakts entstanden sein könnten.
Der mittelniederdeutschen Rechtssprache widmete sich Dr. Maik Lehmberg bei der Vorstellung des umfangreichen Editionsprojektes des Goslarer Stadtrechts. Ausführlich und informativ präsentierte er seine Überlegungen hinsichtlich der Transkriptionsrichtlinen, der textnahen Übersetzung und der Kommentierung schwieriger Stellen des Handschriftentextes:
Maik Lehmberg (Göttingen): Edition und Sprache einer Handschrift des Goslarer Stadtrechts von ca. 1350
Um 1310 ließ der Rat der Freien Reichsstadt Goslar erstmals die Privilegien und Rechtsbestimmungen der Stadt zusammentragen und schriftlich niederlegen. Politische Veränderungen führten in der Folgezeit zu einer Anpassung einiger rechtlicher Bestimmungen und deshalb bis spätestens 1350 zu einer Überarbeitung des Stadtrechtes zur „jüngeren Redaktion“.
Bereits recht früh fand das Stadtrecht Goslars das Interesse der (rechts-)geschichtlichen Forschung. Publiziert wurde dieses Stadtrecht erstmals im Jahre 1711, als Gottfried Wilhelm Leibniz den in der Wolfenbütteler Herzog-August-Bibliothek aufbewahrten Codex herausgab. Wenn auch weitere – mit unterschiedlicher Zielsetzung erarbeitete – Ausgaben folgten, blieb der Text in der Folgezeit, besonders in der interessierten Öffentlichkeit aber dennoch weitgehend unbeachtet. Ursächlich dafür dürften, namentlich für die jüngere Vergangenheit, nicht zuletzt die weithin fehlenden Sprachkenntnisse im Bereich des Mittelniederdeutschen sein.
Aus diesem Grunde regte der Geschichtsverein Goslar eine Neu-Edition an, die unter anderem zum Ziel hat, der interessierten Öffentlichkeit das Goslarer Stadtrecht zugänglich zu machen. Wichtiger Bestandteil einer entsprechenden Ausgabe ist eine neuhochdeutsche Übersetzung, die den Zugang zum Text erleichtert.
Hinsichtlich seines Umfanges nimmt das Goslarer Stadtrecht mit rund 400 Seiten eine gewisse Sonderstellung ein, was die Möglichkeit eines (qualitativ hochwertigen) Faksimiles einer gesamten Handschrift aus finanziellen Gründen ausschließt. Geplant ist deshalb neben der (wo erforderlich auch zu kommentierenden) neuhochdeutschen Übersetzung eine diplomatische Wiedergabe des Textes der Handschrift. Vervollständigt wird die Edition durch ein rechtshistorisches Glossar und mehrere Aufsätze, etwa zur Einordnung der Handschrift und ihres Inhaltes in den zeitlichen Rahmen ihrer Entstehung.
Der Vortrag stellte das Vorhaben der Edition der zur jüngeren Redaktion gehörenden „Handschrift des Rates“ des Goslarer Stadtrechtes vor. Im Vordergrund standen die angewandten Kriterien der Transkription sowie insbesondere exemplarische Probleme der Erarbeitung einer sachgerechten Übersetzung. Besonderes Augenmerk galt dabei der mittelniederdeutschen Sprache der fraglichen Texte als Fachsprache des Rechtswesens um die Mitte des 14. Jahrhunderts.
Nach der Mittagspause machte der Vortrag von Prof. Dr. Catherine Squires aus Moskau auf einen handschriftlichen Neufund mit überlieferungsgeschichtlicher Bedeutung aufmerksam. Die Referentin gab Einblick in ihre Untersuchungen einer Schrift der Mystikerin Mechthild von Magdeburg:
Catherine Squires (Moskau): Mechthild von Magdeburg: Ein handschriftlicher Neufund aus dem elbostfälischen Sprachraum
Das „Fließende Licht der Gottheit“ von Mechthild von Magdeburg ist bekanntlich in einer sehr lückenhaften Überlieferung zugänglich. Die Textzeugen des Werks der 1282 verstorbenen Mechthild gehören in die Zeit ab Mitte des 14. Jh. Die deutschen „FL“-Hss sind alemannisch, bairisch(-österreichisch), west- und ostschwäbisch, oberrheinisch und rheinfränkisch (Vollmann-Profe). Die elbostfälische sprachliche Herkunft Mechthilds kam in der bisher bekannten Überlieferung nicht zur Geltung. Das 2008 identifizierte Bruchstück aus Moskau bietet neue Aussichten für die Textkritik des „FL“, für die regionale Sprachforschung und die frauenmystische Rezeptionsgeschichte.
Die in der Moskauer Universität befindliche „Dokumentensammlung Gustav Schmidt“ beinhaltet Schriftstücke und Druckfragmente aus dem 9.–16. Jh., die ursprünglich aus dem Halberstädter Domgymnasium stammen. In dem 1997–2004 erforschten Bestand sind neben wiederentdeckten Kriegsverlusten zahlreiche Neufunde verzeichnet (s. Katalog in: Squires/Ganina 2008). Eine Reihe von Handschriften, Urkunden und Drucken der Sammlung sind niederdeutsch.
Die Datierung der Moskauer Hs ins Ende des 13. Jh. und ihre Herkunft aus dem zu Mechthilds Heimat und Lebensraum nahen und niederdeutschsprachigen Halberstadt verleihen dem Fund einen besonderen Platz und eine hohe stemmatische Stellung in der Mechthild-Überlieferung. Auf eine höhere Einordnung deuten Textunterschiede, die das Fragment auszeichnen. Das Moskauer Fragment hat den ursprünglichen Mechthild-Reim erhalten, der frühere Konjekturen bestätigt. Aus der Feder der Mystikerin dürften manche genaueren Assonanzen des Fragments stammen. Zu erwarten sind folglich ein dem Original nahestehender Wortlaut und Dialekt. Ein Vergleich mit anderen Hss weist eine bessere Bewahrung von niederdeutschen Zügen auf, die in der Phonetik, Grammatik und Lexik des Fragments zu finden sind. Der gesamte Charakter ist mittelniederdeutsch-mitteldeutsch, was der Erwartung der Forschung (Neumann) entspricht. Die mundartliche Form des Fragments stimmt mit dem sprachlichen Profil Halberstadts überein: einer Übersicht der erhaltenen Bestände und ihren Beschreibungen aus der Vorkriegszeit ist zu entnehmen, dass der mittelalterliche Sprachgebrauch gebildeter Schichten durch ein Nebeneinander von mittelniederdeutschen und mitteldeutschen Formen gekennzeichnet ist.
Der Fund schließt eine überlieferungsgeschichtlich bedeutungsvolle Lücke, indem er die Rezeption von Mechthilds Werk im elbostfälischen Raum belegt, und beweist, dass eine Verbreitung des „Fließenden Lichts“ unmittelbar nach seiner Abfassung zeitgleich zu den ältesten (nicht vorhandenen) lateinischen Abschriften stattfand.
Die Textgattung des Totentanzes wurde den Anwesenden durch Dr. Almut Breitenbach näher gebracht. In ihrem abschließenden Vortrag befasste sie sich mit dem Berliner Totentanz und den Kontexten seiner Entstehung in der Stadt:
Almut Breitenbach: Der Berliner Totentanz – literarische, bildkünstlerische und historische Kontexte
Das spätmittelalterliche Totentanzwandgemälde in der Turmhalle der Berliner Marienkirche wurde von der Forschung lange als kompositorisch und künstlerisch minderwertig eingeschätzt. Erst in den letzten Jahren rückten einige Arbeiten seine Besonderheiten im Vergleich zur übrigen Totentanztradition ins Licht. Hier wäre etwa sein einzigartiger Aufbau mit einem Kreuzigungsbild in der Mitte der in Kleriker und Laien aufgeteilten Ständereihe zu nennen, ebenso seine durch die ungewöhnliche Anbringung im Raum erzeugten Wirkungsmöglichkeiten auf die Betrachter. Unbekannt ist jedoch der konkrete Entstehungshintergrund des Berliner Wandgemäldes, da hierzu keine Quellen erhalten sind und das Gemälde selbst inzwischen in einem so schlechten Erhaltungszustand ist, dass sein Aussagewert in dieser Hinsicht nur mehr gering ist. Die Referentin stellte die Frage, wie dieser Totentanz trotz der Abwesenheit konkreter Anhaltspunkte für seine Entstehungszusammenhänge historisch angemessen interpretiert werden könne. In ihrem Beitrag versuchte sie, dies durch eine „dreidimensionale“ Kontextualisierung des Wandgemäldes zu erreichen. Ziel war dabei, Hinweise auf mögliche zeitgenössische Wahrnehmungsweisen zu gewinnen: Zum einen wurde die Marienkirche und ihre Bedeutung für die städtische Gesellschaft im späten 15. Jahrhundert als unmittelbarer historischer Kontext des textierten Bildes in den Blick genommen. Zum andern wurde die spätmittelalterliche Erbauungsliteratur insbesondere zu Tod und Sterben auf mögliche Rezeptionsweisen eines solchen Werkes befragt. Zuletzt wurden vergleichbare Bildwerke einbezogen ebenso wie die – bedauerlicherweise wenigen – Reste der mittelalterlichen Ausstattung der Marienkirche.
Nach Abschluss der wissenschaftlichen Vorträge konnten die Tagungsorganisatoren auch in diesem Jahr das Rahmenprogramm durch eine Abendveranstaltung ergänzen. So war es den Tagungsteilnehmern möglich, sich erneut im Lichtwark-Saal einzufinden, um dort am 86. Plattdeutschen Abend der Carl-Toepfer-Stiftung teilzunehmen. Lebhaft und kurzweilig führte Cornelia Nenz vom Fritz-Reuter-Literaturmuseum Stavenhagen unter dem Titel „Fritz Reuter zum 200. Geburtstag“ in Leben und Werk des Autors ein und schloss mit einer Lesung aus seinem Œuvre.
Wie jedes Jahr beschloss eine Exkursion die Tagung. Am Donnerstag bereisten die noch nicht in die Heimat zurückgekehrten Tagungsteilnehmer das Hamburger Umland und erfuhren viel Wissenswertes über die südöstlich gelegenen Stadtteile. Nach einem Rundgang durch die historische Altstadt Bergedorfs wurde das dortige Schloss besichtigt. Das in seinen Räumen befindliche Museum führte in die Kulturgeschichte der Vierlande ein. Prägt heute die traditionelle Landwirtschaft das Erscheinungsbild der Gegend, war und ist sie überregional vor allem durch ihre Intarsienarbeiten bekannt. Das Mittagessen wurde direkt an der Elbe im Zollenspieker Fährhaus eingenommen, dessen Geschichte in einem Kurzvortrag erläutert wurde. Am Ende des Ausflugs stand die Besichtigung der St. Nicolai-Kirche in Altengamme mit ihrer besonders sehenswerten Innenausstattung. Bielefeld, Kirsten Menke-Schnellbächer / Paderborn, Nadine Wallmeier