Pfingsttagung 2014 in Paderborn

Quellbecken der Dielenpader, mit der Kaiserpfalz und dem Dom (Nordseite) © Wikipedia, Dirk.D

Tagungsbericht Flensburg

126. Jahresversammlung des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung 20. – 23. Mai 2013 in Flensburg

In diesem Jahr trafen sich die Mitglieder des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung zur 126. Jahresversammlung im äußersten Norden des Landes Schleswig-Holstein. Direkt an der deutsch-dänischen Grenze und in einem der sprachlich interessantesten Gebiete Norddeutschlands liegt der diesjährige Veranstaltungsort Flensburg. Am Pfingstmontag, dem traditionellen Anreisetag, hatten die Tagungsteilnehmer bereits nachmittags die Möglichkeit, das maritime Flair der Stadt zu genießen. Eine Schiffstour nach Glücksburg bot die Gelegenheit, den Flensburger Hafen und die Förde kennenzulernen. Am Abend fand man sich zum geselligen Zusammensein im Flensburger Cafe Central und konnte erste Gespräche mit den Kollegen führen. Am Dienstagmorgen eröffnete die Vorsitzende des Vereins Prof. Dr. Ingrid Schröder den wissenschaftlichen Teil der Tagung und begrüßte die Teilnehmer auf dem Museumsberg Flensburg. In der Aula des Hans-Christiansen-Hauses führte sie in den diesjährigen Tagungsschwerpunkt ‚Mehrsprachigkeit in der Region‘ ein und betonte hierbei die besondere Relevanz dieser Thematik für den Tagungsort im deutsch-dänischen Grenzgebiet. Dass Sprach- und Kulturkontakte im Vordergrund der Tagung standen, spiegelte sich nicht nur in den Vortragsthemen wieder, sondern zeigte sich auch an der Herkunft der Vortragenden, die nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Dänemark, Belgien und Großbritannien nach Flensburg gekommen waren. Ein weiterer Schwerpunkt der diesjährigen Tagung lag auf dem Thema ‚Niederdeutschdidaktik‘. So erörterte eine Podiumsdiskussion am Mittwochnachmittag die Möglichkeiten, Herausforderungen und Grenzen des Spracherwerbs im Rahmen der schulischen (und universitären) Ausbildung. Von offizieller Seite richteten die Minderheitenbeauftragte des Landes Schleswig-Holstein Renate Schnack, der Präsident der Universität Flensburg Prof. Dr. Werner Reinhart und der Direktor des Museumsberges Dr. Michael Fuhr Grußworte an die Tagungsteilnehmer. Danach ergriff Ingrid Schröder noch einmal das Wort, um den Organisatoren und Mitwirkenden der Tagung zu danken und übergab an Prof. Dr. Michael Elmentaler, der den ersten Vortragsblock moderierte und die erste Referentin vorstellte. Prof. Dr. Elin Fredstedt, Professorin für dänische Sprache und Literatur an der Universität Flensburg, führte in die Sprachsituation ihrer Wahlheimat ein und legte den Fokus ihres Vortrags direkt auf das Thema der Mehrsprachigkeit und den deutsch-dänischen Sprachkontakt.

Elin Fredsted (Flensburg): Mehrsprachigkeit und regionale deutsch-dänische Sprachbeziehungen

Zwei- und Mehrsprachigkeit war und ist in der Bevölkerung der deutsch-dänischen Grenzregion verbreitet, insbesondere unter den Sprechern von Klein-, Regional- und Minderheitensprachen. Seit Jahrhunderten sind die Sprachen Sønderjysk, Niederdeutsch und Friesisch sowie Hochdeutsch und (später auch) Standarddänisch hier zu Hause. Im 19. Jahrhundert fand in den Gemeinden südlich und westlich von Flensburg ein Sprachwechsel statt, und zwar von Sønderjysk über das Niederdeutsche zum Hochdeutschen. Auch die mündliche Stadtsprache von Flensburg selbst ist in dieser Zeit (und bis heute) von Substraten als Folge der Mehrsprachigkeit und zweier Sprachwechsel von Sønderjysk und Niederdeutsch zu Hochdeutsch gekennzeichnet. Nach der Grenzziehung 1920 entstehen südlich und nördlich der Grenze nationale Minderheiten, die eigene Sprachvarietäten entwickeln. Vieles hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert. Auch hat sich das Forschungsinteresse generell verschoben, weg von den Diskursen des Spracherhalts und weg von den nationalen, bisweilen nationalistischen Diskursen. Heute müssen wir uns deshalb fragen, ob die grundlegende Hypothese von getrennt zu betrachtenden sprachlichen Systemen je den tatsächlichen sprachlichen Verhältnissen entsprochen hat oder eher als eine Vereinfachung bzw. Idealisierung der komplexen Übergangs- und Kontaktvarietäten zu betrachten ist. Neuere Untersuchungen deuten eher auf diglossische Situationen und sprachliche Übergangsformen in der Grenzregion hin. Die Ergebnisse der sprachlichen Entwicklung können in den folgenden Thesen zusammengefasst werden: Es gibt in Schleswig historisch und aktuell eine Vielzahl von mündlichen Varietäten, die mehr oder weniger durch Sprachkontaktphänomene gekennzeichnet sind. Es gab nie eine Eins-zu-eins-Übereinstimmung hinsichtlich der Umgangssprachen zwischen Sprache und Nationalität und selten eine Übereinstimmung zwischen den mündlichen Varietäten und der/den Schriftsprache(n). Eine Übereinstimmung zwischen Nationalität und Sprache bildet sich allmählich bei der Mehrheitsbevölkerung heraus, gilt aber heute immer noch nicht für die beiden nationalen Minderheiten, da die überwiegende Kommunikationssprache der dänischen Minderheit Hochdeutsch, die der deutschen Minderheit in Dänemark immer noch Sønderjysk ist. Wegen der immer stärkeren Überdachungsfunktion der Hochsprachen gibt es eine deutliche Tendenz hin zum Monolingualismus in der Mehrheitsbevölkerung.

Dr. Tom Smits aus Antwerpen stellte die Ergebnisse seines Dissertationsprojektes vor, das sich einem anderen Grenzgebiet widmete und den Sprachkontakt zwischen Vreden im Westmünsterland und Winterswijk im Achterhoek der Provinz Gelderland in den Niederlanden untersuchte.

Tom Smits (Antwerpen): Nedersaksisch und Schule. Vreden (D) versus Winterswijk (NL) Die Schwerpunkte der diesjährigen Tagung zusammenführend, wurde in diesem Vortrag eine Verbindung zwischen dem Kolloquium ‚Niederdeutschdidaktik‘ und dem nedersaksisch-niederdeutschen Kontaktraum hergestellt. Als 2003 im Rahmen eines soziodialektologischen Dissertationsprojektes die – variable – Dialektbegabtheit von 40 Gewährspersonen aufgezeichnet wurde, wurden zugleich subjektive Sprachdaten zu Gebrauch und Funktion der Mundart gesammelt. Die aufgrund ihrer Dialektkompetenz ausgewählten Sprecherinnen und Sprecher gaben Auskunft über Alter und Kontext ihrer Sozialisation in Dialekt bzw. Standardsprache, über den Dialekterwerb der nachfolgenden Generation, über den Mundartgebrauch im Nahbereich damals und heute sowie über ihre Einstellung zum Phänomen Dialekt im Unterricht. Das Profil der Befragten global skizzierend, tritt die Schule als Domäne der standardsprachlichen Sozialisation in Erscheinung – und sie möge auch gerne exklusiv standardsprachlich bleiben, aller Dialektvorlieben und -kampagnen zum Trotz. Im Vortrag wurde nicht nur auf diesen Themenkreis nationenübergreifend eingegangen mit Abstechern zur Sprachfertigkeitsförderung (Sprachbarrierenforschung, taalbeleid) und zur Dialektrenaissance. Auch wurden die bisher entweder linguistisch (Struktur) oder soziolinguistisch (Funktion) erstellten Sprecherprofile für den Beitrag miteinander verknüpft, was für jede Gewährsperson Erkenntnisse zu etwa dem Erwerb der Mundart und der Standardsprache, zur Beherrschung der Mundart und zur Einstellung ihr gegenüber lieferte.

Dr. Elisabeth Andersen aus Newcastle leistete mit ihrem Vortrag einen Beitrag zur Überlieferungsgeschichte von Heiligenlegenden im norddeutschen Raum. Anhand der Lübecker Frühdrucke der Legenden der Heiligen Brigitta und Katharina von Schweden gab sie Einblicke in die Ausbildung unterschiedlicher Heiligentypen.

Elisabeth Andersen (Newcastle): Hagiographie im norddeutschen Frühdruck. Birgitta und Katharina von Schweden


In der Inkunabelzeit entstehen in Norddeutschland verschiedene Druckzentren. Lübeck ist dabei, sowohl was die Zahl der Druckereien als auch die Breite der Druckproduktion und den Verbreitungsraum betrifft, führend. Ein signifikantes Beispiel dafür bildet die Gruppe von Drucken um die Offenbarungen Birgittas von Schweden, deren lateinische Version von dem Birgitten-Orden in Lübeck bei der Ghotan-Offizin in Auftrag gegeben wurde. Daneben entstanden zahlreiche volkssprachige Redaktionen, bei Bartholomäus Ghotan selbst, aber auch bei Lukas Brandis und vor allem der Mohnkopf-Druckerei. Im Vortrag wurde besonders die Sunte Birgitten Openbaringe (Lübeck, Mohnkopf: 1496) untersucht, bei der die ‚Revelationes‘ Birgittas von Schweden in einen hagiographischen Rahmen eingepasst wurden. Der Stoff der ‚Revelationes‘ wird statt in neun umfangreichen Büchern in fünf kürzeren Büchern dargeboten, bei denen die ersten vier die Biographie Birgittas bilden und das fünfte Buch ihrer Tochter Katharina von Vadstena gewidmet ist. Anhand der Textredaktion und Holzschnittfolgen wurde gezeigt, wie sich in dieser Bearbeitung zwei unterschiedliche Heiligentypen herausbilden und wie sich dies in den Kontext der norddeutschen Frömmigkeitskultur einfügt.

Ebenfalls im Bereich der mittelniederdeutschen geistlichen Literatur war der Vortrag von PD Dr. Jörn Bockmann aus Göttingen angesiedelt, der einen Teil seines Habilitationsprojektes umfasste und in dessen Zentrum die Exempelsammlung der ‚Große Seelentrost‘ stand. Jörn Bockmann (Göttingen): Vision und Exempel. Sinn- und Gattungszusammenhänge im ‚Großen Seelentrost‘ Der ‚Große Seelentrost‘ (GST), eine im 14. Jahrhundert im Umfeld des Dominikanerordens entstandene niederdeutsche Exempelsammlung, die der Ordnung des Dekalogs folgt, enthält neben Beispielgeschichten, die außerirdische Protagonisten wie Teufel und Engel auftreten lassen, auch Exempel, die eine bisher kaum von der Forschung thematisierte Nähe zur Visionsliteratur aufweisen. Über das typische Handlungsschema der ab dem Hochmittelalter breit überlieferten Jenseitsreisen hinaus (Schlaf/ Ekstase des Visionärs, Entraffung der Seele in einen Jenseitsraum, Erlebnisse des Protagonisten dort mit einem lehrhaften Effekt, Rückkehr in den Körper) sind es vor allem anthropologische und soziale Fragen, auf welche die Visionsexempel antworten. Die zumeist clusterartig zusammenstehenden Exempel des GST mit Bezug zum Texttyp und zur Motivik der Visionen zeigen so eine spezifische Ausprägung des mittelalterlichen Ausgleichsdenkens, die in manchen Fällen quer zur expliziten Ordnung der Exempelreihe und ihren gewissermaßen offiziell vermittelten katechetischen und paränetischen Inhalten steht. Wenn die narrativ exemplifizierte Moral nicht zur kirchlich sanktionierten Lehre passt, so lässt sich gerade hieran für den Mediävisten ein hermeneutischer und anthropologischer Anknüpfungspunkt für die Deutung der Exempelsammlung gewinnen. Der Vortrag untersuchte nach einer kurzen Skizze zum – konzeptuell keineswegs geklärten – Exempelbegriff und der mittelalterlichen Jenseitstopographie die Gattungszusammenhänge zwischen Visions- und Exempelliteratur anhand ausgewählter Texte des GST. Über die Gattungsaffinitäten hinaus wurde das Sinn- und Diskussionspotential der ausgewählten Textbeispiele, vor allem Visionsexempel über Wucherer und ihre Verwandten mittels einer literaturanthropologischen Analyse freigelegt. Ein Ausblick wurde auf eine Neudeutung der Exempla im Sinn einer anthropologischen Poetik des Exempels gegeben. Der Dienstagvormittag wurde mit der alljährlichen Mitgliedersammlung abgeschlossen. Nach einer kurzen Mittagspause stand die Erkundung Flensburgs auf dem Programm. Trotz der unterschiedlichen Thematik der einzelnen Stadtführungen endeten diese zumeist in einer der Flensburger Rumdestillerien, um mit einer kleinen Verkostung an den ehemals florierenden Überseehandel der Stadt zu erinnern. Am Dienstagabend waren die Tagungsgäste zum Empfang ins Flensburger Rathaus geladen, wo sie mit leichter Verspätung vom Oberbürgermeister Simon Faber begrüßt wurden, dem Ingrid Schröder für die Gastfreundschaft der Stadt dankte. Nach dem offiziellen Teil des Abends ließen die Vereinsmitglieder den Abend in kleineren Gruppen ausklingen.

Fortsetzung fand die Tagung wie gewohnt am Mittwochmorgen. Nachdem alle Teilnehmer erneut auf dem Museumsberg eingetroffen waren, stellte PD Dr. Stefan Mähl den ersten Vortragenden des Tages vor. Als Friesisch-Experte berichtete Dr. Alastair Walker aus Kiel von charakteristischen Sprecherbiographien und illustrierte so die sprachlichen Sozialisierungsprozessen im von Mehrsprachigkeit geprägten nordfriesischen Gebiet. Alastair Walker (Kiel): Vom Monolingualimus zum Quinquelingualismus. Sprachliche Sozialisierungsprozesse in Nordfriesland. Im Kreis Nordfriesland (NF) werden fünf Sprachen bzw. sprachliche Varietäten gesprochen: Friesisch, Plattdeutsch, Hochdeutsch, Dänisch und Jütisch. Dank der Forschungen von Nils Århammar sind wir sowohl über die Verbreitung der einzelnen Sprachen in NF als auch über die unterschiedlichen Mehrsprachigkeitskonfigurationen unterrichtet. Relativ unerforscht sind jedoch die Prozesse, wodurch Friesen ihre Mehrsprachigkeit erwerben. Deshalb stellte der Vortrag ein Forschungsprojekt vor, das sich mit dieser Thematik befasst. Bei den sprachlichen Sozialisierungsprozessen in NF wird zwischen diaphasischen und diatopischen Aspekten differenziert. Es gilt die Arbeitsthese, dass die Prozesse a) von Generation zu Generation und b) auf dem Festland und den Inseln, aber auch zwischen einzelnen Ortschaften unterschiedlich verlaufen. Für den sprachlichen Sozialisierungsprozess wurden zunächst vier Phasen postuliert: a) die Zeit vor der institutionellen Bildung, b) die institutionelle Bildung, c) die berufliche Ausbildung und d) der Beruf. Zu jeder Phase gehört ein eigenes soziales Netzwerk, das mit wachsendem Alter erweitert wird. Ein Vergleich der drei Generationen Großeltern, Eltern und Kinder in NF zeigte im Hinblick auf die Struktur der einzelnen Phasen sowie der dazu gehörigen Netzwerke deutliche Unterschiede. Anhand des methodischen Ansatzes des qualitativen Interviews wurden Sprecherbiographien gesammelt. Eine Auswahl sollte zeigen, wie unterschiedlich die sprachlichen Sozialisierungsprozesse in den drei Generationen im Hinblick u.a. auf die Zahl, die Reihenfolge und das Alter des Erwerbs der einzelnen Sprachen sowie die jeweils erworbene Kompetenz in den einzelnen Sprachen verlaufen. Ferner zeigte sich, dass die früher meist ungesteuert erworbene Mehrsprachigkeit zunehmend durch einen gesteuerten Spracherwerb ersetzt wird. Der restliche Vormittag stand ganz im Zeichen der Nachwuchswissenschaftler, die in diesem Rahmen die Gelegenheit erhielten, ihre Forschungsvorhaben einem wissenschaftlichen Publikum zur Diskussion zu stellen. Thilo Weber (Freiburg i. Br.): Zum Verbalkomplex im Märkisch-Brandenburgischen Ein syntaktisches Merkmal der kontinentalwestgermanischen Sprachen ist die Bildung satzfinaler Verbalkomplexe (… dass er das Buch gelesen haben muss), für die ein hohes Maß an sprach- bzw. dialektübergreifender und idiolektaler Verbstellungsvariation charakteristisch ist. Der niederdeutsche Verbalkomplex gilt dabei in Überblicksdarstellungen als strikt kopffinal. Während aber für niederländische und hochdeutsche, besonders oberdeutsche Mundarten zahlreiche z.T. kleinräumig differenzierende Studien vorliegen, sind die niederdeutschen Dialekte in dieser Hinsicht weit weniger erforscht. Eine Auswertung älterer Tonbandaufnahmen aus dem bisher kaum erschlossenen DDR-Korpus zeigt, dass vor allem die märkisch-brandenburgischen Dialekte viel Verbstellungsvariation aufweisen. Besonders auffällig ist dabei das Vorkommen kopfinitialer Sequenzen in Verbalkomplexen mit nur zwei verbalen Elementen (… dass sie nicht kann kommen). Im Vortrag wurden die Ergebnisse dieser Korpusanalyse präsentiert und anschließend mit kürzlich erhobenen Daten verglichen. Anhand der älteren Daten wurde zunächst ein empirischer Überblick über die belegten zwei- und dreigliedrigen Verbalkomplexe gegeben. Danach wurden einige Faktoren isoliert, welche die Verbstellungsvariation beeinflussen. Schließlich erfolgte eine typologische Einordnung des märkisch-brandenburgischen Verbalkomplexes im Vergleich mit anderen westgermanischen Sprachen und Dialekten. Dabei zeigte sich u. a. eine größere Nähe zum südlich angrenzenden Ostmitteldeutschen als zu vielen anderen niederdeutschen Dialekten. Der Vergleich mit den neu erhobenen Daten zeigte einen starken Abbau der nicht-standardsprachlichen Sequenzen, ein Prozess, der sich bereits in den älteren Daten andeutete. Jens Lanwer (Münster): Regionale Alltagssprache in Nordbrandenburg – Versuch einer ‚Innenansicht‘ Im deutschsprachigen Raum verfügen Sprecherinnen und Sprecher gegenwärtig je nach Region und/oder Generation i. d. R. über eine mehr oder weniger stark ausgeprägte vertikale Variationsbreite im Spannungsfeld zwischen traditioneller Mündlichkeit (Basisdialekt) auf der einen und symbolvermittelter Mündlichkeit (Standardsprache) auf der anderen Seite. In Alltagsgesprächen werden Alternanzen in der sog. ‚Vertikalen‘ häufig kommunikativ-intentional eingesetzt. Die Analyse derartiger Kontrastierungspraktiken erfordert das Aufdecken von Mechanismen der sprachlichen Kontrastbildung im Kontext der konkreten Interaktion. Gegenstand der Analyse ist dabei Gumperz folgend die Gesamtheit der paradigmatisch geordneten Mengen von Alternativen, die Signalwert haben für die jeweilige Population. Sprechlagen/Varietäten dürfen somit nicht im Sinne von apriori-Kategorien an das Material herangetragen werden. Vielmehr geht es darum, Muster im konkreten Sprachgebrauch aufzuspüren, die für die betreffende Sprechgemeinschaft ggf. opponierende Einheiten konstituieren. Knöbl spricht in diesem Zusammenhang auch von einer interaktionale[n] Konstitutionsanalyse im Sinne Knöbls, die den funktionalen und ‚einheitkonstituierenden‘ Gebrauch der Formen aus ‚emischer‘ Perspektive rekonstruiert. Es gilt also, die Variabilität alltagssprachlicher Repertoires aus einer emischen Perspektive quasi von innen, d. h. aus der Sicht der beteiligten Interaktanten zu fokussieren. Im Rahmen des Vortrags wurde am Beispiel der Analyse von Gesprächsdaten aus dem nordbrandenburgischen Raum ein Ansatz vorgestellt, der eine solche Perspektivierung sowie den diatopischen Vergleich struktureller Regularitäten intrasituativer Sprachvariation ermöglicht. Sebastian Møller Bak (Kopenhagen): Topikalisierung und Linksversetzung in mnd. Urkunden des westlichen Ostseeraumes Eine Reihe von Nordisten behaupten, dass ältere nordgermanische Sprachen wie z. B. das Altdänische typischen Topik-Sprachen wie z. B. chinesischen Sprachen ähneln, da sogenannte Topikalisierungskonstruktionen in den älteren nordgermanischen Sprachen sehr oft vorkommen. Eine Topikalisierungskonstruktion lässt sich als eine Konstruktion beschreiben, die aus einem vorangestellten, Thema-introduzierenden Glied besteht, das keine notwendige syntaktische Relation zu den Gliedern im Satz aufweist, z. B.: Hva su(m) weriénd ær tha scal han actæ all then kost th(er) hauer for the b?rn .. ‘Wer Vormund ist dann muss er achten [auf] all die Kosten die [er] hat wegen der Kinder ..’ (Jütisches Recht: AM 286, Fol., Bl. 3v.) Auch die in mittelniederdeutschen Rechtstexten häufig vorkommenden Linksversetzungskonstruktionen wie extraponierte Konditionalsätze mit Wiederaufnahme durch das Adverb sô wurden als Topikalisierungskonstruktionen bezeichnet. Schon in der Forschung des ausgehenden 19. Jahrhunderts wurden Topikalisierungs- und Linksversetzungskonstruktionen erwähnt, aber bis heute liegen keine systematischen Untersuchungen über Topikalisierung und Linksversetzung im Mittelniederdeutschen vor. Hier sollen nun auf Grundlage der historischen Variablenlinguistik Topikalisierungs- und Linksversetzungskonstruktionen in insgesamt 160 mittelniederdeutschen Urkunden der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts aus der Stadtkanzlei der Hansestadt Lübeck und aus der dänischen Königskanzlei untersucht werden. Zum einen gab der Vortrag einen Überblick über die häufigsten Topikalisierungs- und Linksversetzungskonstruktionen in den Urkunden, zum anderen einen Überblick über die verschiedenen Funktionen dieser Konstruktionen. Darüber hinaus ging der Vortrag der Frage nach, ob es in diesem syntaktischen Bereich Unterschiede zwischen den beiden Kanzleien gibt. Hannah Reuter (Frankfurt/Oder): Unterrichten ohne Norm? Niederdeutschunterricht an Volkshochschulen In Zeiten, in denen das Niederdeutsche nicht mehr automatisch als Mutter- oder Zweitsprache an die Folgegeneration weitergegeben wird, hat die institutionelle Sprachvermittlung an Bedeutung gewonnen. Das sprachpolitische Desiderat, die Regionalsprache durch alle Stufen des Bildungssystems hindurch zu unterrichten und sogar an vollkommen Niederdeutschunkundige weiterzugeben, findet sich nicht nur vielfach schriftlich fixiert, etwa in den Schweriner Thesen des Bundesraats för Nedderdütsch von 2007, sondern wird in den verschiedenen Regionen des niederdeutschen Sprachraums, wenn auch in quantitativ wie qualitativ sehr unterschiedlichem Maße, bereits in die Tat umgesetzt. Neben ganz praktischen Schwierigkeiten wie der Frage, woher geeignete Lehrmaterialien bezogen werden können, stellt die tägliche Unterrichtspraxis Niederdeutschlehrkräfte vor eine weitere Herausforderung: Da das Niederdeutsche – anders als andere unterrichtete Fremdsprachen – nicht standardisiert ist, obliegt ihnen qua Rollendefinition, als Lehrkraft selbst die Entscheidung darüber zu treffen, wie sie eine Sprache ‚ohne Norm‘ unterrichten, was etwa als richtige Aussprache zu gelten hat oder wie im Unterricht geschrieben werden soll. Wird der Mangel an präskriptiven Normen im Unterricht thematisiert oder bewusst ignoriert? Wird auf die bestehenden Lehrwerke, Grammatiken und Wörterbücher zurückgegriffen oder die Regionalsprache nach eigenen Regeln gelehrt? Anhand einer Untersuchung des Niederdeutschunterrichts an Volkshochschulen geht Hannah Reuter der Frage nach, wie die Lehrenden das Fehlen bzw. den Mangel an Sprachnormierung kompensieren, auf welche Normautoritäten bzw. Normierungsinstanzen sie zurückgreifen können und ob in den verschiedenen Regionen des niederdeutschen Sprachraums dabei unterschiedlich vorgegangen wird. Die Antworten auf diese praktischen Fragen des Niederdeutschunterrichts sollen zugleich generelle Hinweise darauf geben, wie sprachliche ‚Norm‘ entsteht. Der Mittwochnachmittag war der Podiumsdiskussion mit dem Thema „Niederdeutschdidaktik – Herausforderung für Schule und Universität“ vorbehalten. Damit nahmen sich die Podiums- und Tagungsteilnehmer eines aktuellen und akuten Themas an, das aufgrund der gegenwärtigen Situation immer mehr in den Vordergrund drängt, wie das einleitende Statement der Organisatoren verdeutlicht: „Auf die niederdeutsche Philologie kommen neue Herausforderungen zu. Nicht zuletzt durch die Verpflichtungen, welche die norddeutschen Bundesländer mit Zeichnung der europäischen Sprachencharta eingegangen sind, haben sich die Rahmenbedingungen unserer Wissenschaft gewandelt. Neben die etablierten Teilfächer ist das Anwendungsfeld Schule getreten. Diese neue Ausrichtung wirkt sich nicht zuletzt auf die Interessen der Studierenden sowie auf die Lehre und Forschung in unserem Fach aus. Nicht nur die Dynamik um das Wahlpflichtfach Niederdeutsch in Hamburg zeigt, dass wir uns in einem bildungspolitischen Prozess befinden, in dem der Platz der Regionalsprache in den Bildungssystemen neu zu bestimmt sein wird. Hierfür haben die norddeutschen Bundesländer unterschiedliche Ansätze gewählt, die sich sowohl auf den schulischen Alltag als auch auf die Lehreraus- und -fortbildung auswirken. Politisch setzt sich allmählich der Gedanke durch, dass die Schulen einen Beitrag zum Erhalt und Ausbau der niederdeutschen Sprache leisten sollen. Dieses Ziel ist mit herkömmlichen Formen der Sprachbegegnung, etwa innerhalb des Lernfeldes ‚Reflexion über Sprache‘ im Deutschunterricht, nicht zu erreichen, so dass der Spracherwerb zunehmend in den Vordergrund tritt.“ Die Leitung des Gesprächs übernahm Dr. Reinhard Goltz aus Bremen, der zunächst kurz die Rolle des Niederdeutschen innerhalb des Bildungssystems skizzierte und darauf hinwies, dass die Diskussion als Anfangspunkt und Motivation einer intensiveren Beschäftigung mit dem Thema dienen solle. Mit Prof. Dr. Astrid Müller, Deutsch-Didaktikerin an der Universität Hamburg und Mitherausgeberin der Zeitschrift ‚Praxis Deutsch‘, stand der Diskussionsrunde eine Expertin für die allgemein-didaktische Perspektive zur Verfügung. Durch den Vergleich mit Modellen und Konzepten der Deutschdidaktik konnte sie die wichtigsten Anforderungen an eine Niederdeutschdidaktik und die Besonderheit einer auf Spracherwerb ausgerichteten Vermittlung formulieren. Ekhard Ninnemann aus Lüneburg brachte seine Erfahrungen als Lehrer und Autor von Lehrwerken in die Diskussion ein. Er verwies auf die tragfähigen Modelle der Fremdsprachendidaktik und plädierte für einen Unterricht, der kulturübergreifend und sprachvergleichend arbeitet. Ebenfalls aus der Perspektive schulischer Niederdeutsch-Vermittlung berichtete Heiko Frese, der in Lüneburg als Lehrer in der Lehrerfortbildung in Niedersachsen tätig ist. Er hob besonders hervor, dass es den Lehrern, die Niederdeutsch mit dem Ziel des Spracherwerbs unterrichten wollten, oft an Sprachkompetenz fehle und es einen Mangel an guten Lehrmaterialien gebe. Robert Langhanke ist als Lehrender an den Universitäten Kiel und Flensburg mit der universitären Praxis der Niederdeutschdidaktik konfrontiert und konnte seine Erfahrungen in diesem Bereich in das Gespräch einbringen. Der sich an das moderierte Podiumsgespräch anschließende, lebhafte Austausch des Plenums zeigte, dass das Thema viel Diskussionsbedarf hat, es aber auch zahlreiche Ideen und Lösungsansätze gibt, bei denen es letztlich zu prüfen gilt, inwieweit sie sich in der Praxis umsetzen lassen. Den Teilnehmern des öffentlichen Vortrags am Mittwochabend bot sich die Gelegenheit, einen Ausflug in die Sprachgeschichte zu unternehmen. In den Räumen des European Centre für Minority Issues im Kompagnietor referierte Prof. Dr. Vibeke Winge über den vielfältigen deutsch-dänischen Sprachkontakt. Vibeke Winge (Kopenhagen): Der deutsch-dänische Sprachkontakt. Streifzüge durch eine fast tausendjährige Geschichte Seit dem späten 19. Jahrhundert galt Dänemark als Inbegriff eines homogenen Nationalstaates. Dieser war aber der Rest eines mehrsprachigen und multikulturellen Gebildes, das einst neben dem heutigen Dänemark Norwegen, Teile des heutigen Südschwedens, die beiden Herzogtümer Schleswig und Holstein sowie einige atlantische Provinzen umfasste. In den Handelsstädten trafen sich Leute aus allen Teilen der Monarchie mit Zugezogenen aus anderen Ländern, nicht zuletzt aus dem norddeutschen Raum. So mischten sich nicht nur im Grenzraum, sondern in der gesamten Monarchie Dänisch, Norwegisch und holsteinisches Platt mit einer bunten Mischung aus niederdeutschen und seit dem 16. Jahrhundert auch mittel- und oberdeutschen Mundarten, die in allen Bevölkerungsschichten vom königlichen Schloss bis hin zu den Werkstätten der Handwerker zu hören waren. Die dänischen Könige, selbst deutscher Abstammung, bevorzugten deutsche Fürstinnen als Königinnen und brauchten deutsche Schreiber für ihre Kanzleien. Söldner wurden in Deutschland angeworben, und Deutsch war bis 1773 Kommandosprache. Die massive Einwanderung über Jahrhunderte führte gelegentlich zu Reibereien, im Großen und Ganzen lebte man aber in friedlicher Koexistenz. Der Gebrauch der beiden Sprachen Dänisch und Deutsch war funktional bedingt. Die dänische Sprache übernahm im Lauf der Jahrhunderte problemlos zunächst nieder-, später hochdeutsche Wörter für das, was die Deutschen brachten, z. B. im Bereich der Hof- und Stadtverwaltung, Handwerkerbezeichnungen sowie eine erhebliche Zahl von Alltagswörtern, die gelegentlich alte dänische Wörter ersetzten. Mit den nationalen Auseinandersetzungen im 18. und 19. Jahrhundert war die Zeit der Koexistenz vorbei. Deutsch und Deutsche wurden ausgegrenzt. Abschließend ging die Referentin der Frage nach, ob sich in den letzten Jahren an der Sprachsituation etwas geändert habe. In diesem Jahr fand zum Abschluss der Tagung letztmalig eine Exkursion ins Umland des Tagungsortes statt. Unter der quinquelingualen und sprachwissenschaftlich aufschlussreichen Leitung Alastair Walkers machten sich die Vereinsmitglieder auf, das nördliche Schleswig-Holstein zu erkunden. Von der Flensburger Förde aus führte der Weg – hinweg über mehrere Isoglossen – an die Westküste. Erster Anlaufpunkt war das Andersen-Hues in Risum-Lindholm. Das Andersen-Hues, ein uthlandfriesisches Landhaus aus dem Jahr 1723, wird vom Ostermooringer Friesenverein betrieben und bildet einen Mittel- und Anlaufpunkt für sämtliche Bestrebungen rund um die friesische Kultur und Sprache der Gegend. So finden dort zahlreiche kulturelle Veranstaltungen wie Theateraufführungen und Konzerte statt, und einige museale Räume vermitteln ein Bild des traditionellen friesischen Lebens. Nach guter friesischer Tradition wurden die Exkursionsteilnehmer dann auch in der guten Stube, dem Pesel, mit Kaffee und Keksen von Gerhard Johannsen, dem 2. Vorsitzenden des Frasche Feriin for e Ååstermååre empfangen. Nachdem dieser die Entstehungsgeschichte des Hauses und die Arbeit des Vereins vorgestellt hatte, folgte eine kurze Führung durch das Gebäude. Im Anschluss an den Besuch im Andersen-Hues ging es weiter nach Seebüll. Dort befindet sich im vom Künstler selbst entworfenen einstigen Wohnhaus das Nolde-Museum. Nach einem gemeinsamen Mittagessen im Museumsrestaurant konnten die Exkursionsteilnehmer in der Ausstellung einen umfassenden Eindruck vom Werk des deutschen Expressionisten gewinnen und auch den bemerkenswerten Garten besichtigen, der bis auf den heutigen Tag zum größten Teil so bepflanzt ist, wie er es zu Noldes Lebenszeiten war. Bielefeld und Münster/ Paderborn Kirsten Menke-Schnellbächer/ Nadine Wallmeier